Grenzen überschreiten mit dem Netzwerk „Cleveres Köpfchen“

Man kann Mauern zwischen Staaten bauen – oder die Nachbarn einladen. Das Netzwerk und Ausbildungsprogramm „Cleveres Köpfchen“ steht für die offene Variante: Es bringt junge Polen und deutsche Unternehmen zusammen, die händeringend nach Auszubildenden suchen.

Es begann mit einer Arbeitsmarktanalyse – die Ergebnisse waren eindeutig: Viele Unternehmen im östlichen Mecklenburg-Vorpommern klagen über zunehmende Probleme, freie Ausbildungsstellen zu besetzen. Andererseits ergeben sich seit dem Wegfall der Freizügigkeitsbeschränkungen neue Chancen, denn auf der polnischen Seite der Grenzregion gibt es ein großes Bewerberpotenzial.

Polnische Jugendliche und deutsche Unternehmen zusammenbringen

Diese beiden Gruppen – deutsche Unternehmen und polnische Jugendliche – müsste man zusammenbringen, dachte man sich bei der Förder- und Entwicklungsgesellschaft Vorpommern und rief das Netzwerk „Cleveres Köpfchen – Główka pracuje“ sowie ein Ausbildungsprogramm gleichen Namens ins Leben. „Wir haben uns Nachwuchssicherung für die hiesigen Unternehmen auf die Fahnen geschrieben, denn davon haben alle etwas: deutsche Betriebe, junge Polen und die Grenzregion insgesamt“, betont Christian Justa von der Agentur für Arbeit Greifswald, die etwas später die Federführung übernahm.

Das Ausbildungsprogramm richtet sich an deutsche Unternehmen in der Region und junge polnische Erwachsene. Sie sollen dorthin vermittelt werden, wo es an deutschen Bewerberinnen und Bewerbern mangelt – und das ist mittlerweile in fast allen Branchen der Fall. Davon profitieren beide Seiten: Die deutschen Unternehmen können ihre Ausbildungsstellen besetzen, und für die jungen Polen gibt es alternative Ausbildungsmöglichkeiten. Außerdem können sich die Unternehmen den polnischen Markt mit muttersprachlichen Arbeitskräften erschließen.

Maßnahmen von „Cleveres Köpfchen“ sind Sprachkurse und sowie das nachhaltige Zusammenführen von Ausbildungsbetrieben und polnischen Auszubildenden. Die Agentur für Arbeit Greifswald fungiert dabei als Netzwerk- und Projektkoordinator. Sie sorgt für die Akquise von Ausbildungsstellen, Bewerberinnen und Bewerbern, deren Vermittlung in Stellen, Begleitung bei Sprachkursen sowie die sozialpädagogische Betreuung vor Ausbildungsbeginn. „Zudem unterstützen wir die Jugendlichen bei Wohnungssuche, Kontoeröffnung oder Regelung der Sozialversicherung“, erläutert Justa. Die IHK Neubrandenburg sowie die Handwerkskammer Ostvorpommern akquirieren ebenfalls Ausbildungsstellen sowie Bewerberinnen und Bewerber. „Außerdem bereiten sie die Ausbildungsverträge vor, beraten über Rechte und Pflichten zum Thema Ausbildung und betreuen Betriebe und Azubis während der Ausbildung“, hebt Justa die zentrale Rolle von IHK und HWK hervor.

Auch die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Vorpommern und die Förder- und Entwicklungsgesellschaft Vorpommern sprechen mögliche Ausbildungsbetriebe an und werben für die Region und das Projekt. Die deutschen Bildungsträger führen die Sprachkurse durch, kümmern sich um Unterkunft und Verpflegung und stellen Anträge zur finanziellen Unterstützung der Sprachförderung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Die Unternehmen wählen in Bewerbungsgesprächen zukünftige Auszubildende aus und übernehmen einen Teil der Sprachkursfinanzierung. Die polnischen Schulen schließlich vermitteln Interessierte, stellen Räume zur Verfügung und ermöglichen eine reibungslose Teilnahme.

Großes Interesse an Nachwuchssicherung

Einer der Nutznießer des Netzwerks ist die zur bundesweiten Asklepios-Gruppe gehörende Asklepios-Klinik Pasewalk. Insgesamt bildet Asklepios in zahlreichen pflegerischen, medizinischen und kaufmännischen Berufen aus, in Pasewalk konzentriert sich die Ausbildung auf den Beruf „Gesundheits- und Krankenpfleger/-in“. Den schulischen Teil der dualen Ausbildung absolvieren die Azubis an der Beruflichen Schule „Dr. Erich Paulun“, einer öffentlichen Berufsschule des Landes Mecklenburg-Vorpommern in Trägerschaft der örtlichen Asklepios-Klinik. Deren Leiterin Kerstin Latzkow engagiert sich für die Klinik im Projekt „Cleveres Köpfchen“.

„Die Klinik hat ein hohes Interesse an der Sicherung von qualifiziertem Nachwuchs“, sagt sie, „und dazu reichen inzwischen die Bewerbungen aus der Region diesseits der Grenze nicht mehr aus.“ Ein wichtiger Impuls kommt hinzu: „Zuwanderung aus Polen ist Realität, und in den vergangenen Jahren ist hier eine tolle grenzüberschreitende Bildungsinfrastruktur entstanden“, lobt die Schulleiterin. „Mit ‚Cleveres Köpfchen‘ haben wir sie weiter verdichtet.“

Im Rahmen des Ausbildungsprogramms haben 2014 und 2015 je sechs polnische Jugendliche ihre Ausbildung in der Asklepios-Klinik Pasewalk begonnen, 2016 waren es sieben. Davon sind zwei abgesprungen, 17 sind es also derzeit insgesamt. Weitere junge Polinnen und Polen werden unabhängig von dem Programm ausgebildet.

Damit sichert Asklepios nicht nur seinen Nachwuchsbedarf in Pasewalk, sondern bundesweit. Denn auch wenn nicht jeder Absolvent am Ort bleiben kann: Jeder Azubi mit mindestens durchschnittlichem Abschluss erhält ein Übernahmeangebot für einen der zahlreichen deutschen Standorte der Unternehmensgruppe. „Aber auch die, die wir nicht in Pasewalk übernehmen können und die nicht wegwollen, finden einen geeigneten Arbeitsplatz in der Region“, sagt Latzkow mit Blick auf den enormen Fachkräftemangel im Pflege- und Gesundheitswesen.

Erfolgsfaktor: die umfassende Begleitung

Inzwischen treten im Rahmen von „Cleveres Köpfchen“ jedes Jahr rund 30 polnische Jugendliche einen Ausbildungsplatz in einem Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern an. Die beiden ersten Jahrgänge haben ihre Ausbildung abgeschlossen. Von dem zweiten sind nach den Abschlussprüfungen im Sommer 2016 zwei nach Polen zurückgekehrt, 15 in Deutschland geblieben. Immerhin acht von ihnen arbeiten nach wie vor im ursprünglichen Ausbildungsbetrieb.

Dennoch bleibt eine Herausforderung: die Bewerbergewinnung in Polen. Dort ist die duale Berufsausbildung nach wie vor nicht bekannt genug, zudem spürt man auch im Nachbarland den demografischen Wandel, was die Bewerberzahlen zusätzlich begrenzt. Doch Justa ist optimistisch: „Unser wohl wichtigster Erfolgsfaktor ist die umfassende Begleitung von der Akquise über den Ausbildungsbeginn bis zu deren Abschluss – und das spricht sich immer mehr herum.“

Das Engagement des Netzwerks hat bereits bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. So wurde „Cleveres Köpfchen“ 2014 vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und dem Innovationsbüro Fachkräfte für die Region als „Innovatives Netzwerk“ ausgezeichnet.


Quelle:
Die Serie „Ausbildungsnetzwerke“ ist eine Kooperation zwischen dem Innovationsbüro Fachkräfte für die Region und der POSITION, dem IHK-Magazin für Berufsbildung.

POSITION | IHK-Magazin für Berufsbildung
Ausgabe 2 | 2017
Autor: Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn