MINT-Frühjahrsreport 2018: Die große, große Lücke

Mit knapp 490.000 unbesetzten Stellen hat der Fachkräftemangel in den MINT-Fächern ein Allzeithoch erreicht. Ältere Arbeitskräfte gehen in Rente und zu wenige rücken nach. Aber es gibt noch mehr Gründe.

Physikunterricht am Maria Ward-Gymnasium in Mainz, auf dem Lehrplan ein Experiment mit Zentralkräften. Greta Waltenberg steht in der ersten Reihe. Die Schülerin liebt Physik, besonders den Teilchenbeschleuniger. "Wenn man was Neues in Physik lernt, dann kann man sich bestimmte Sachen erklären im Alltag." Ihr großer Wunsch: Einmal das CERN in der Schweiz besuchen, die Europäische Organisation für Kernforschung. Dort steht der größte Teilchenbeschleuniger der Welt.

Mädchen wie Greta sind die Hoffnung der Unternehmen, die verzweifelt Nachwuchskräfte in den MINT-Fächern suchen. Der Mangel an Kräften in Naturwissenschaften, Mathematik, Informatik und Technik ist seit Beginn der Berechnungen so dramatisch wie noch nie. Zu diesem Schluss kommt der Frühjahrsreport 2018.

Arbeitskräftelücke IT-lastig

Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Arbeitgebervereinigung Gesamtmetall, die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie vertritt, den Fachkräftemangel genauer unter die Lupe genommen.

Bis Ende April 2018 waren laut der Studie bundesweit rund 486.000 Stellen in den sogenannten MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) unbesetzt. Damit nahm die Zahl der offenen Stellen im Vergleich zum April 2017 um 13,1 Prozent zu. Die Arbeitskräftelücke sei in den vergangenen Jahren IT-lastiger geworden, in den vergangenen vier Jahren habe sich dort der Bedarf mehr als verdoppelt.

Laut der Studie gibt es viele Gründe für den Fachkräfte-Engpass. Einerseits seien starke Jahrgänge unter den MINT-Fachkräften entweder schon im Ruhestand oder stünden kurz davor, weniger junge MINT-Absolventen rückten nach. Andererseits sei aber auch der Bedarf an MINT-Fachkräften gewachsen, weil sich immer mehr Unternehmen für neue Bereiche wie Digitalisierung oder Elektromobilität öffneten.

Zuwanderung wichtig, vor allem aus Indien

"Das IT-Thema wird über alle Branchen hinweg relevant", sagt Axel Plünnecke, einer der Autoren des Gutachtens. Trotz der steigenden Zahl an Studierenden in den MINT-Fächern: Die Nachfrage nach Fachkräften in diesen Bereichen können sie nicht kompensieren. Die Lücke wäre allerdings größer ohne die Migration von Fachkräften aus dem Ausland. Stark gestiegen ist besonders der Anteil der zugewanderten Inder in die MINT-Studiengänge, diese Zuwanderer könnten später als Ingenieure oder Informatiker arbeiten.

"Die Zuwanderungsregeln für MINT-Akademiker aus Drittstaaten sind noch relativ gut. In den Facharbeiter-Bereichen ist es schwieriger, weil das Zuwanderungsrecht höhere Hürden hat", sagt Plünnecke. Einer der Gründe, weshalb der Mangel an Facharbeitern wie Mechatronikern, Technikern und Baufacharbeitern deutlich ausgeprägter sei als unter Akademikern der MINT-Fächer.

Dass die MINT-Fachkräfte gefragt sind, zeigt sich auch an der geringeren Zahl an Arbeitslosen in dem Bereich, die im Vergleich zum Vorjahr um 12,2 Prozent auf 174.955 Personen gesunken ist. Mehr Akademiker arbeiten zudem in Vollzeit, die Zahl stieg von 2011 bis 2015 von 74,2 auf 85,7 Prozent. Anreize, eine Anstellung anzunehmen, sind laut der Studie auch ein höheres Einkommen. Und trotzdem: Die Arbeitskraftlücke ist weiter gewachsen, trotz Initiativen wie "Komm mach MINT", die Frauen und Mädchen für die MINT-Studiengänge und Berufe begeistern sollen.

Physiker arbeiten nicht nur als Physiker

Greta zumindest musste man nicht extra begeistern. Sie hat sogar neben der Schule Physikworkshops und Vorlesungen an der Uni Mainz besucht, die Voraussetzung dafür, sich für einen Besuch im CERN zu bewerben zu können. Ihr Fleiß und ihr Engagement zahlten sich aus. Und dann steht sie vor dem größten Teilchenbeschleuniger. "Das ist auf jeden Fall eine sehr einmalige Gelegenheit, um ein bisschen mehr über Teilchenphysik zu lernen als immer davon zu hören."

Den gesamten Artikel gibt es hier.

Quelle: tageschau.de, 14.ß5.2018