Medienbeobachtung September 2019

Im Juli ins Kosovo, im September nach Mexiko – der Bundesgesundheitsminister ist derzeit so etwas wie ein Außenminister in besonderer Mission: Er wirbt in mehreren Ländern um Pflegekräfte für Deutschland. In dieser Branche ist der Fachkräftemangel schon jetzt erheblich. Deshalb ist Jens Spahn auch nicht der einzige, der im Ausland neue Pflegefachkräfte gewinnen will. Das Land Mecklenburg-Vorpommern eröffnet laut einem Medienbericht Ende Oktober ein Büro in Vietnam. Im Fokus: Fachkräfte für Hotellerie, Gastronomie und Pflege. Auch Bayern wird aktiv – mit einem Bündnis für Pflegefachkräfte und einer begleitenden Imagekampagne.

Die „Welt“ stellt in einem Bericht die Zahl der Auswanderer mit Hochschulabschluss denjenigen gegenüber, die mit Universitätsdiplom hierherkommen: Die Wanderungsbewegung falle zugunsten Deutschlands aus, die Volkswirtschaft profitiere davon. Dieselbe Zeitung berichtet allerdings auch über eine Studie, der zufolge Neuankömmlingen die Eingewöhnung in Deutschland besonders schwer gemacht werde – deutlich schwerer als in vielen anderen Ländern.

Weiteres Medienthema im September: Rückkehrer-Initiativen. Ein Magazin bietet seinen Leserinnen und Leser einen Überblick zum Thema und lässt Rückkehrerinnen und Rückkehrer sowie Personalverantwortliche zu Wort kommen – und ein anderes Magazin teilt mit, dass in Thüringen sogar Prämien für Menschen diskutiert würden, die zum Leben und Arbeiten in ihre Heimat zurückkommen wollen.
 

Überregionales

Innerhalb von fünf Jahren sind 225.000 Deutsche mit Hochschulabschluss ausgewandert. Das berichtet die Welt im September. „Auf den ersten Blick scheinen die Ströme die Befürchtung zu nähren, dass es einen ‚Brain Drain‘ gibt, einen Exodus von Wissen und Kompetenz ins Ausland“, heißt es in dem Bericht. Forscher würden aber darauf hinweisen, dass Deutschland zugleich eine ungleich höhere Zahl von Fachkräften von jenseits der Grenzen angezogen habe. „Die Bundesrepublik saugt Spitzenkräfte aus dem Ausland ab“, schreibt die „Welt“. In der Fünf-Jahres-Periode bis 2015/16 seien mehr als 600.000 Hochqualifizierte mit ausländischem Pass nach Deutschland gekommen. Unter dem Strich profitiere die deutsche Volkswirtschaft von der globalen Wanderungsbewegung also deutlich.

Ebenfalls in der Welt ist im September zu lesen, dass Neuankömmlingen die Eingewöhnung hierzulande besonders schwer gemacht werde. Laut der neuen Ausgabe der regelmäßigen „Expat Insider“-Umfrage der Community-Plattform InterNations unter rund 20.000 im Ausland arbeitenden Menschen sei das Einleben in Deutschland für ausländische Fachkräfte mühsam. In der Kategorie „Eingewöhnung“ lande Deutschland nur auf Platz 60 von 64. „Die Mängelliste ist lang“, schreibt die „Welt“, „mit der Kultur zurechtzukommen sei schwierig, die Deutschen seien ‚ganz versessen auf Regeln‘, bestätigt ein Befragter aus Malaysia ein gängiges Klischee. Wenn man die deutsche Sprache nicht sehr gut beherrsche, habe man fast keine Chance, ein persönliches Netzwerk aufzubauen, schreibt ein Ungar.“

Speziell in der Pflegebranche herrscht in Deutschland großer Fachkräftemangel. Deshalb warb Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im September in Mexiko um Fachkräfte. „Während seines Besuchs in der Hauptstadt des lateinamerikanischen Landes wurde eine Absichtserklärung unterschrieben, nach der mexikanischen Pflegern etwa durch eine Beschleunigung der Anerkennungs- und Visaverfahren die Einreise nach Deutschland erleichtert werden soll“, berichtet die Frankfurter Allgemeine (FAZ). Zuvor war Spahn in gleicher Mission bereits im Kosovo. „Ausgesucht wurden Spahn zufolge Länder“, schreibt die FAZ, „deren Bevölkerungen relativ jung sind und die über den eigenen Bedarf hinaus Pflegekräfte ausbilden.“

Eine Studie zum Thema Arbeitgeberattraktivität der Online-Jobplattform StepStone zeigt, dass Führungskräfte und Personalmanager Verluste bei Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit befürchten, weil ihre Unternehmen freie Stellen nicht schnell und passend genug besetzen können. Wie die WirtschaftsWoche im September berichtet, gelte der Wettbewerb um geeignete Fachkräfte für Unternehmen in Deutschland inzwischen als mit Abstand größte Herausforderung. Zwar schätze die Mehrheit der Beschäftigten die aktuelle Geschäftslage ihres Unternehmens als gut oder sogar sehr gut ein. Doch ob dies so bleibe, hänge für drei Viertel davon ab, ob neue Mitarbeiter gewonnen werden könnten.

In einem Kommentar befasst sich die Frankfurter Allgemeine (FAZ) mit dem Ergebnis der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen. „Im deutschen Osten beklagen Unternehmer häufig die teils offen, teils latent ausländerfeindliche Stimmung: Sie erschwert, ausländische Fachkräfte anzuwerben“, heißt es in dem Kommentar. Und weiter: „Wäre Ostdeutschland ein Produkt, dann würden Marketingfachleute dringend zu einem besseren ‚Storytelling‘ raten.“ Was es brauche, seien mehr positive Geschichten, die Lust darauf machen, im Osten zu leben, zu arbeiten, zu investieren, In- und Ausländer gleichermaßen.

Wie Firmen Fachkräfte zurück in ihre alte Heimat locken, ist Creditreform einen Bericht wert. Das Unternehmermagazin stellt Rückkehrer-Initiativen vor und Menschen, die aus Überzeugung wieder in ihrer Herkunftsregion leben und arbeiten. Zu Wort kommt auch die Personalleiterin eines mittelständischen Unternehmens, das von einer solchen Initiative profitiert: „Ob Personalreferentin, Chemikant oder Produktionsleiter – es gibt keine ausgeschriebene Stelle, die ich einfach besetzen kann.“ Rückkehrer hätten für sie gleich zwei Vorzüge: „Die Menschen haben zum einen was gesehen, sie bringen berufliche Erfahrung aus anderen Firmen mit, und zum anderen kommen sie zurück, um zu bleiben.“
 

Regionale Meldungen

Wie die Frankenpost und andere Medien im September berichten, startet das Bundesland Bayern ein Bündnis für Pflege-Fachkräfte sowie eine Imagekampagne. Die Staatsregierung wolle zusätzliche Arbeitskräfte in der Altenpflege gewinnen, heißt es in der „Frankenpost“. Derzeit seien in Bayern rund 160.000 Personen in der Langzeitpflege beschäftigt, davon aber nur knapp ein Drittel in Vollzeit. Der künftige Bedarf an Pflegekräften werde gerade im Rahmen einer Studie ermittelt, die im Sommer 2020 vorliegen soll. „Experten sehen allein in Bayern eine Lücke von mehreren Tausend Pflegekräften“, schreibt die regionale Tageszeitung. Geplant sei deshalb unter anderem eine Modernisierung der Ausbildungsinhalte.

Nicht nur der Bundesgesundheitsminister wirbt im Ausland um Pflegefachkräfte für Deutschland. Laut Schweriner Volkszeitung eröffnet Mecklenburg-Vorpommern Ende Oktober ein Fachkräfte-Büro in Vietnam. Die Kontaktstelle des Landes in Hanoi solle Anlaufpunkt für Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern sein, die Fachkräfte aus Vietnam oder seinen Nachbarländern suchen, aber auch für asiatische Firmen, die dort investieren wollen. „Darüber hinaus sollen Interessenten aus Vietnam für den Arbeitsmarkt in MV aus- und weitergebildet werden“, heißt es in dem Bericht. Begonnen werde mit Berufen aus den Bereichen Pflege, Hotellerie und Gastronomie.

Im Sauerland geht es um die Zukunft des Handwerks. Der SauerlandKurier berichtet im September über das 2018 gestartete Kooperationsprojekt „Hand ans Werk“. Anlass ist der erste „Handwerker-Stammtisch“. Ziel der Initiative ist es laut der Regionalzeitung, Fachkräfte sowie Auszubildende für das Handwerk in dieser Region zu begeistern und an die Region zu binden.

In Thüringen wird über eine Rückkehr-Prämie gegen Fachkräftemangel diskutiert. Das berichtet das Magazin KOMMUNAL. „So sollen Thüringer, die abgewandert sind und zurückkommen, rund 5.000 Euro erhalten. Die Voraussetzungen dafür sind der Hauptwohnsitz und eine Arbeit im Freistaat“, heißt es in dem Beitrag. Zitiert wird der CDU-Landeschef, der die Prämie fordere: „Das ist eine Einladung, wieder nach Hause zu kommen und hier die Zukunft zu gestalten.“
 

Schlaglicht Arbeiten 4.0

Das Online-Portal it-daily.net warnt Unternehmen davor, sich bei der Digitalisierung ausschließlich auf Produktionsprozesse zu konzentrieren. Die Unternehmensberatung McKinsey schätze, dass 70 Prozent aller digitalen Transformationsprojekte scheitern, heißt es in dem Beitrag „Arbeit 4.0: Die Arbeit und nicht den Prozess digitalisieren“. Fehlende interdisziplinäre Kenntnisse und die mangelnde Zusammenarbeit über Abteilungen hinweg seien oft die Gründe. „Digitalisierung scheitert am Menschen, weil die Verantwortlichen vergessen haben, die unternehmensinternen Arbeitsabläufe in die Digitalisierung mit einzubeziehen“, schreibt der Autor, „dabei liegt gerade in der Digitalisierung der Arbeitsabläufe ein erhebliches Produktivitäts-Potenzial.“