Medienbeobachtung Oktober 2019

Es kommt Bewegung in die Sache. Nachdem im Sommer – endlich, würden viele Wirtschaftsvertreter jetzt hinzufügen – das Fachkräfteeinwanderungsgesetz verabschiedet wurde, konnte man im Oktober lesen, dass in diesem Zuge nun die „Zentrale Servicestelle“ Berufsanerkennung auf den Weg gebracht wurde. Das ist gut so, denn im Oktober war ebenfalls zu lesen, dass zwar nach wie vor viele EU-Ausländer zum Arbeiten nach Deutschland kommen, aber nur wenige Arbeitskräfte von außerhalb der EU. Die Bundesregierung erhofft sich in dieser Hinsicht Fortschritte durch das im März 2020 in Kraft tretende Fachkräfteeinwanderungsgesetz.

Trotz sich eintrübender Konjunktur stellt der Fachkräftemangel für viele Firmen und öffentliche Arbeitgeber weiterhin ein erhebliches Problem dar. Wie verschiedene regionale Medienberichte zeigen, entstehen deshalb immer neue Initiativen, die dem etwas entgegensetzen wollen. Zum Beispiel das Bündnis für Fachkräfte Donauries oder die Initiative Fachkräftesicherung in Bayern.

In unserer Rubrik „Arbeiten 4.0“ geht es diesmal um „New Work“. Außerdem fanden wir im Handelsblatt einen Kommentar, der sich kritisch mit traditioneller Ausbildung in Zeiten der beschleunigten Digitalisierung auseinandersetzt.
 

Überregionales

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz wurde diesen Sommer verabschiedet; kommenden März tritt es in Kraft. In diesem Zuge einigten sich im Oktober Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, Arbeitsminister Hubertus Heil und der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Detlev Scheele, auf die Einrichtung einer „Zentralen Servicestelle Berufsanerkennung“. Das Portal bildungsklick.de berichtete und zitierte die Bundesbildungsministerin: „Die deutsche Wirtschaftskraft braucht qualifizierte Fachkräfte, auch aus dem Ausland. Für Zugewanderte ist die Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt. Mit dem Anerkennungsgesetz haben wir dafür die Verfahren etabliert.“

Die FAZ berichtete im Oktober allerdings, bisher ziehe es nur wenige Arbeitskräfte von außerhalb der Europäischen Union in die Bundesrepublik. Das ergebe eine Auswertung des Ausländerzentralregisters des Jahres 2018 durch die Bertelsmann-Stiftung. „Demnach sind im vergangenen Jahr 38.682 Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten nach Deutschland gekommen. Das sind weniger als 0,1 Prozent des deutschen Marktes mit 47,5 Millionen Arbeitskräften und ist im Vorjahresvergleich nur ein geringes Plus (2017: 38 082)“, heißt es in dem Artikel. Hauptherkunftsländer für Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern seien Indien, die Vereinigten Staaten, Bosnien-Herzegowina und China. „Die komplette Zuwanderung nach Deutschland war im vergangenen Jahr aber weit höher“, schreibt die FAZ.

Die FAZ zeigte im Oktober aber auch einen Weg, wie sich mehr Fachkräfte im Ausland nach Deutschland locken lassen würden: „Deutsch-Sprachkurse der Goethe-Institute im Ausland schaffen einer neuen Studie zufolge bei qualifizierten Arbeitskräften einen weiteren Anreiz, nach Deutschland zu kommen“, heißt es in dem Bericht. Durch das Angebot würden sich häufig überdurchschnittlich gebildete Menschen angesprochen fühlen. „Daher stiegen das Bildungsniveau und die Erwerbserfahrung der Migranten aus Ländern, in denen Goethe-Institute neu eröffnet worden seien“, so die FAZ weiter. Auch der Anteil der Migranten, die bereits bei der Einreise über eine konkrete Arbeitsplatzzusage verfügten, sei höher.

Viele potenzielle Arbeitskräfte aus dem Ausland sind bereits in Deutschland – nämlich Geflüchtete. Dass aus ihnen rasch tatsächliche Arbeitskräfte werden, scheint allerdings schwierig zu sein. In einem Interview mit dem MDR zeigt sich der Hauptgeschäftsführer der IHK Magdeburg, Wolfgang März, unzufrieden darüber, wie es mit der Integration von Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt vorangeht. Viele Firmen seien sehr sozial eingestellt und würden sich mit kleinen Schritten bemühen, die Menschen an das hiesige Arbeitsniveau heranzuführen. Sie bräuchten dabei aber mehr Unterstützung. „Alle Flüchtlinge müssen eine Chance haben, 100-prozentig Deutsch zu lernen. Da muss die öffentliche Hand wesentlich mehr tun. Da gibt es viel Nachholbedarf. Und zum anderen müssen auch die bürokratischen Hürden fallen, die in unseren Verwaltungen bisher bestehen – und vor allen Dingen unterschiedlich sind“, fordert März.

Der Fachkräftemangel in Deutschland sorge dafür, dass sich qualifizierte IT-Profis ihren Job aussuchen können, berichtet das Online-Magazin t3n im Oktober. Die Bundesregierung habe es offenbar besonders schwer, geeignete IT-Profis für ihre Behörden zu finden beziehungsweise hochqualifizierte Mitarbeiter zu halten, heißt es weiter. Deshalb sei nun eine sogenannte „Gewinnungs- und Bindungsprämie“ in Höhe von rund 44.000 bis 80.000 Euro brutto geplant. „Wer das zusätzliche Geld in Anspruch nimmt, verpflichtet sich im Gegenzug, innerhalb der nächsten 48 Monate den Arbeitgeber nicht zu wechseln“, schreibt das Magazin. „Außerdem müssen die Mitarbeiter zustimmen, weiterhin eine Funktion im jeweiligen Verwendungsbereich wahrzunehmen.“

„Lange galten sie als verstaubt, nun liegen Mitarbeiterwohnungen wieder im Trend“, berichtet der Nachrichtensender n-tv. Große Unternehmen wie Volkswagen würden verstärkt auf das Konzept setzen. Der Autobauer errichte in den kommenden Jahren Hunderte Mitarbeiterwohnungen am Stammsitz Wolfsburg. „Die Idee dahinter bei VW wie auch bei anderen Firmen: Wer Fachkräften neben einem Anstellungsvertrag eine Wohnung anbieten kann, wird als Arbeitgeber attraktiver“, heißt es in dem Bericht. „Die mühsame Wohnungssuche entfällt einfach.“
 

Regionale Meldungen

Um gut ausgebildete Menschen in die Region und an die Unternehmen zu bringen, haben die Agentur für Arbeit Donauwörth, der Bayerische Bauernverband, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Handwerkskammer für Schwaben, die IHK Schwaben, die Technologie Centrum Westbayern GmbH, der Landkreis Donau-Ries und der Wirtschaftsförderverband Donauries das Bündnis für Fachkräfte Donauries“ gegründet. Dies berichtet die Augsburger Allgemeine im Oktober. „Gerade im Hinblick auf die aktuellen Fachkräfteentwicklungen im Landkreis sieht Landrat Stefan Rößle das Bündnis als große Chance für die Region, nachhaltig Fachkräfte zu gewinnen und zu sichern, und erfolgreich zusammen zu arbeiten“, schreibt die Regionalzeitung. Erreichen werden solle dieses Ziel durch Erzeugung von Transparenz bei den bestehenden Unterstützungsangeboten und durch eine stärkere Kooperation.

Für das Unternehmen Fehl+Sohn Gebäudetechnik in der Region Vogelsberg sei der Fachkräftemangel kein Thema, heißt es in einem Bericht der FAZ. Die Zeitung stellt ein Zukunftskonzept vor, dass das Familienunternehmen gemeinsam mit der Belegschaft 2016 entwickelt habe. „Es umfasst drei Säulen“, schreibt die FAZ: „Mitarbeiter an den Betrieb binden, Nachwuchs ausbilden und neue Beschäftigte gewinnen.“ Zudem beinhalte es eine Vision 2026 mit einer Strategie für jeweils fünf Jahre. Das Konzept dämmere überdies nicht in Schubläden vor sich hin, sondern werde gelebt und hänge auch als Poster an markanten Stellen aus. Zu den Sonderleistungen für Beschäftigte zählen laut FAZ freiwillige soziale Leistungen, etwa unentgeltliche private Unfall- und zusätzliche Krankenversicherung oder ein Zuschuss zu Kindergartenbeiträgen. Hinzu kämen bis zu 300 Euro Gesundheitsbonus im Jahr, ab 2020 Job-Bikes sowie eine unentgeltliche Mitgliedschaft im Fitnessstudio.

Wie die Märkische Oderzeitung berichtet, haben Brandenburg und Polen ein gemeinsames Problem: den Fachkräftemangel. Und offenbar einen gemeinsamen Lösungsansatz: „Abwanderung, Überalterung, Veränderungen des Arbeitsmarktes – die Ursachen unterscheiden sich, aber einen Lösungsansatz verfolgen beide Länder: mehr Arbeiter aus dem Osten anwerben“, schreibt die Lokalzeitung. In Frage kämen etwa die Ukraine, Weißrussland, Russland, Armenien, Georgien und Moldawien – Länder, für deren Arbeiterinnen und Arbeiter in Polen seit 2015 vereinfachte Zuwanderungsbedingungen gelten würden.

„Ausländer rein“ ist eine Reportage auf Zeit-Online betitelt. Sie handelt von Carsten Fröhlich, der im Ausland Fachkräfte für thüringische Firmen sucht. „Und zwar genau die, die zum jeweiligen Unternehmen passen“, zitiert der Autor Carsten Fröhlich. Er sei von der örtlichen Industrie- und Handelskammer zertifiziert und komme genau zur rechten Zeit. „Vor allem ostdeutsche Unternehmen leiden besonders unter einem Fachkräftemangel, hat das Ifo-Institut herausgefunden. In ländlichen Regionen erwarten die Forscher einen Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung um 30 Prozent“, heißt es in der Reportage. Es würden vor allem qualifizierte Arbeitskräfte fehlen, weil diese nach der Wende abgewandert seien. Für die ostdeutsche Wirtschaft gebe es nur einen Weg: Fachkräfte aus dem Ausland anwerben.

„Bis 2023 wollen die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft und die Staatsregierung rund 250.000 neue Arbeitskräfte für Unternehmen gewinnen“, schreibt das Ratgeberportal aktiv im Oktober. Das Instrument dazu: die „Initiative Fachkräftesicherung+“ (FKS+). Sie sei 2018 von der Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft und der Staatsregierung ins Leben gerufen worden. „Das Herzstück bildet die ‚Taskforce FKS+‘, die vom Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft umgesetzt wird“, teilt das Portal mit. Diese Serviceeinheit sei in allen sieben Regierungsbezirken präsent – und der zentrale Kontakt für die Betriebe.
 

Schlaglicht Arbeiten 4.0

„Wer IT-Experten braucht, muss welche ausbilden – am besten innerhalb der bestehenden Belegschaft“, findet Larissa Holzki. In einem Kommentar schreibt die Handelsblatt-Reporterin, der Autohersteller Volkswagen habe mit seinem neuen Weiterbildungsprogramm den richtigen Schluss gezogen. Denn einerseits bräuchten Tausende Mechaniker und Elektronik-Fachkräfte auch morgen noch eine Aufgabe, wenn ihre bisherigen Tätigkeiten von Robotern und selbstlernenden Maschinen übernommen würden. Andererseits sei der Markt für Fachkräfte in der Informationstechnik leer gefegt. Ein Blick auf die demografische Entwicklung zeige zudem, das dies auf absehbare Zeit auch so bleiben werde. „Der weltgrößte Automobilhersteller macht aus zwei Problemen eine Chance. Daran sollten und können sich andere Firmen ein Beispiel nehmen.“ Umschulungen könnten dennoch nur das letzte Mittel sein. „Eigentlich sind Volkswagen und viele andere Unternehmen viel zu spät dran“, findet die Handelsblatt-Reporterin, „nicht jeder Industriefacharbeiter lässt sich zu einem Softwareversteher machen.“ Deshalb müsse noch radikaler gedacht werden.

Mit „New Work“ und anderen Schlagworten der Digitalisierung befasst sich im Oktober ein Artikel in der FAZ. „Ich mach mir die Arbeitswelt, wie sie mir gefällt“, heißt er und fragt, wie es um flache Hierarchien, Agilität, Home Office und New Work jenseits der Büros stehe, nämlich in der Fabrik. „New Work“ werde landläufig mit Schreibtisch-Beschäftigten assoziiert, schreibt der Autor. Das Konzept betreffe aber – jedenfalls wenn es nach Frithjof Bergmann, dem Gründer der Bewegung gehe – Arbeitsformen gleichgültig welcher Branche. „Bergmann geht es dabei um mehr Sinnstiftung bei der täglichen Arbeit, aber auch um mehr Freiheitsgrade und Selbständigkeit. Dass der Mensch nur als Werkzeug fungiert, einen Arbeitsschritt nach dem anderen am Fließband vollbringt, sei nicht sinnvoll“, heißt es in dem Bericht. Die „New Work“-Bewegung strebe an, das Arbeitssystem und die Unternehmensstruktur möglichst so anzupassen, dass alle Beschäftigten im Rahmen der Möglichkeiten mitentscheiden können. Der Bericht zeigt sodann, was in dieser Hinsicht heute in Fabriken alles möglich ist.