Medienbeobachtung November 2019

„Konjunktur auf Talfahrt“ vermeldete der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) Ende Oktober, als er die Ergebnisse seiner jüngsten Konjunkturumfrage präsentierte. Zum dritten Mal in Folge trübte sich die Geschäftslage der Unternehmen im Herbst 2019 ein. Der außenwirtschaftliche Gegenwind treffe nunmehr die Breite der Industrie, heißt es im DIHK-Konjunkturbericht. Die Abkühlung hinterlasse inzwischen auch sichtbare Spuren bei industrienahen Dienstleistern und Großhändlern. Zudem falle die im Herbst saisonübliche Lageaufhellung im Bau in diesem Jahr auffallend schwach aus.

Die verschlechterten Konjunkturaussichten hinterlassen laut DIHK deutliche Spuren bei den Beschäftigungsabsichten der Unternehmen ‒ einerseits. Andererseits bleibt der Fachkräftemangel offenbar weiterhin das größte Geschäftsrisiko, wie der Konjunkturbericht zeigt. Dies spiegelt auch die Medienberichterstattung im November wieder. Egal ob Pflegebranche, Handwerk oder öffentliche Verwaltung: Allüberall fehlt es an Arbeitskräften. Deshalb besteht laut „Welt“ erheblicher Handlungsbedarf bei der Zuwanderung von Fachkräften, wirbt Angela Merkel laut „Zeit“ in Indien um Fachkräfte und fordert der DIHK laut „Welt“ mehr Großzügigkeit von Deutschlands Ämtern, um Geflüchteten mehr Ausbildungs- und Beschäftigungsperspektiven zu bieten.

Umfangreich im November ist auch die Berichterstattung rund ums Arbeiten 4.0. Themenschwerpunkte sind Agilität, Bildung, Digitalisierung in der Ausbildung – und eine Warnung an den Tesla-Gründer Elon Musk, der im November den Bau eines Werks in Brandenburg ankündigte und nun auf Fachkräftesuche ist.

Überregionales

Der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Bernd Fitzenberger, sieht nach einem Bericht der WeltHandlungsbedarf bei der Zuwanderung von Fachkräften. „Wir erwarten für das nächste Jahr ein nahezu konstantes Erwerbspersonenpotenzial trotz weiterer Nettoimmigration – also obwohl mehr Menschen nach Deutschland kommen als abwandern“, zitiert die Tageszeitung den IAB-Chef. Die Nettoimmigration werde aber abnehmen. „Weil unsere Nachbarländer die Krise überwunden haben“, sagt Fitzenberger, „gehen auch viele Menschen zurück in ihre Heimat.“ Deshalb bräuchte Deutschland netto ein jährliches Plus von 400.000 Personen, um die derzeitige Anzahl an Erwerbstätigen langfristig zu halten.

Angela Merkel will deshalb auch Fachkräfte aus Indien anwerben. Wie die Zeit und andere Medien im November berichteten, habe die Bundeskanzlerin bei ihrem Besuch in Indien im Herbst eine Initiative gegen den Fachkräftemangel angekündigt. Anlaufpunkte bei der Rekrutierung sollten die Außenhandelskammern sein, schreibt die Wochenzeitung. „In enger Abstimmung mit den Konsulaten sollten etwa Visa-Anträge vorbereitet werden“, heißt es in dem Bericht. 

Viele potenzielle Arbeitnehmer sind bereits in Deutschland – nämlich Geflüchtete. Wie die Welt im November mitteilte, fordert die Wirtschaft zur Linderung des Fachkräftemangels mehr Hilfe für geflüchtete Arbeitnehmer. „Deutschlands Ämter sollten bei der Beschäftigung von Flüchtlingen mehr Großzügigkeit walten lassen. Speziell gelte es, den Übergang von Ausbildung in Arbeit zu erleichtern“, schreibt die Tageszeitung unter Berufung auf ein Positionspapier des DIHKs, das der Zeitung exklusiv vorliege. Zudem würden sich die Unternehmen flexiblere und genauer passende Sprachkurse für ihre Beschäftigten wünschen.

„Babyboomer fordern Pflegebranche heraus“, titelte das Handelsblatt im November. Anlass: der neue Pflegeheim-Rating-Report des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung. Dem Report zufolge altere die Generation der Babyboomer und stelle die Pflegebranche künftig vor große Herausforderungen. „Die Zahl der Pflegebedürftigen soll sich von aktuell 3,4 Millionen Menschen auf 4,4 Millionen in 2030 und fünf Millionen in 2040 erhöhen“, schreibt das Handelsblatt. Der Personalmangel bleibe laut RWI die wohl größte Herausforderung der Branche, denn die Zahl der Pflegebedürftigen wachse schneller als die der verfügbaren Fachkräfte.

Nicht nur im Pflegebereich, sondern auch in der IT herrscht besonders großer Fachkräftemangel. Ein Bericht im Tagesspiegel zeigte im November, wie Arbeitgeber wie Deutsche Bahn oder Autohersteller um die begehrten Fachkräfte werben. Beispiel DB: „In zwei Wohnwagen quer durch Deutschland: Sieben Wochen lang waren Recruiter der Deutschen Bahn in diesem Spätsommer unterwegs. Sie führten 8000 Bewerbungsgespräche. 700 Kandidatinnen und Kandidaten waren erfolgreich – sie sind jetzt beim Schienenkonzern angestellt“, berichtete die Berliner Tageszeitung.

Regionale Meldungen

Auch „den kommunalen Verwaltungen fehlen Mitarbeiter“, wie der MDR im November berichtete. Der Sender ging der Frage nach, wie groß das Problem sei und wie die Kommunen sich im Kampf um Fachkräfte gegen die freie Wirtschaft durchsetzen könnten. In Sachsen würden in den nächsten 15 Jahren fast die Hälfte der kommunal Beschäftigten in den Ruhestand gehen – knapp 35.000 von derzeit insgesamt 73.000 Beschäftigten –, zitiert der Sender den Vizechef des sächsischen Städte- und Gemeindetages. Deshalb müssten die Kommunen mehr Marketing betreiben und sich früher und systematischer als bisher um Akquise und Personalentwicklung kümmern.

Das „Handwerk in NRW stößt immer härter an Grenzen“, war im November in der Westdeutschen Zeitung zu lesen. „Die Betriebe in NRW stehen glänzend da, volle Auftragsbücher sind normal. Aber um weiter zu wachsen, fehlt es an Flächen und Fachkräften.“ 35 Prozent der Betriebe hätten unbesetzte Stellen. Immerhin gelänge es den Unternehmen seit inzwischen fünf Jahren, mehr junge Menschen für die Ausbildung zu gewinnen.

Laut einem Bericht des MDR startete die Stadt Görlitz-Zgorzelec im November eine Kampagne, um europäische Fachkräfte anzulocken. Die neue Werbekampagne richte sich vor allem an Polen, die in Großbritannien leben. Denn die würden die Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Brexit umtreiben. „Familien mit Kindern wollen näher zu den Großeltern und damit zurück Richtung Heimat“, heißt es in dem Bericht. Über eine Plattform im Internet würden Interessenten deshalb in drei Sprachen Informationen an die Hand gegeben, die sie von einem Umzug nach Görlitz oder Zgorzelec überzeugen könnten.

Netzwerk-Nachrichten

Bereits seit 2011 kümmert sich das FachKraft Werk Oberberg um die Fachkräftesicherung im Oberbergischen Kreis. Über die Arbeit des auch vom Innovationsbüro Fachkräfte für die Region unterstützten Netzwerks berichtete im November die Rheinische Post. Im Oberbergischen Kreis gebe es die Möglichkeit, mehr als 150 Ausbildungsberufe zu erlernen, doch wie groß die Karrierechancen seien, wüssten nur wenige, zitiert die Regionalzeitung Uwe Cujai vom FachKraft Werk Oberberg. „Der Oberbergische Kreis muss sich in Zukunft noch besser vermarkten“, so das Zitat weiter. „Wir bieten Veranstaltungen für Unternehmen an, um sie bei diesem Prozess zu unterstützen. Außerdem helfen wir dabei, Fachkräfte zu vermitteln.“

Schlaglicht Arbeiten 4.0

Mehr Bildung für alle fordert die Soziologin Jutta Allmendinger für die Arbeitswelt 4.0. „Wir müssen zu dem kommen, was andere Länder uns schon lange vormachen: Wir müssen die Ausbildungsstätten auch für Menschen öffnen, die 40, die 45 sind, um tatsächlich einen neuen Job, ein neues Tätigkeitsspektrum zu erlernen“, sagte die Forscherin in einer Sendung von Deutschlandfunk Kultur im November. Noch immer würden etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung als bildungsarm und damit als zu schlecht qualifiziert gelten, um beruflich flexibel auf neue Entwicklungen des Arbeitsmarktes reagieren zu können. Neben dem Kampf gegen diese Bildungsarmut gelte es, endlich auch etwas für eine zweite und dritte Bildung zu tun.

Wie viel Digitalisierung in den Ausbildungsberufen mittlerweile steckt“, zeigte die FAZ in einem Beitrag im November unter der Überschrift „Mit dem iPad an der Druckgussmaschine“. Die Wende zur Elektromobilität, vor allem aber der Weg zum vernetzten Auto und die Industrie 4.0 mit ihrer vernetzten Produktion würden die Arbeitswelt in den Fabriken in rasantem Tempo verändern. Gelernt werde deswegen heute schon anders, zeigt der Bericht am Beispiel von Volkswagen. Ob iPad, Augmented Reality oder die Programmierung von Basissoftware zur Robotersteuerung – das alles gehört laut dem FAZ-Bericht inzwischen zur Ausbildung.

„Selten waren die Umbrüche in Wirtschaft und Alltag so tiefgreifend und rasant wie heute“, schreibt die Börsen-Zeitung. Die Digitalisierung verändere die Wünsche und das Verhalten der Kunden – und das mit einem immer höheren Tempo. Deshalb würden immer mehr Betriebe auf agile Arbeitsweisen setzen, um kundenzentrierter zu arbeiten und die Entwicklung neuer Services und Produkte zu beschleunigen. Der Bericht erklärt, was Agilität heißt und klärt über einige Mythen und Irrtümer auf – zum Beispiel den, dass Agilität Chaos bedeute.

Apropos Agilität: „Welche Kompetenzen agile Teams prägen“, darüber berichtete die Computerwoche im November. „Das Arbeiten 4.0 verlangt nach agilen Teams, die wenig Führung benötigen“, heißt es in dem Beitrag. Die Teammitglieder sollten im Netzwerk, teils an unterschiedlichen Arbeitsorten, effektiv kunden- und nutzenorientiert arbeiten. Das bedeute hohe Eigenverantwortung und Qualifikation seitens der Mitarbeiter. „Der Auswahl von Teammitgliedern kommt deshalb eine entscheidende Bedeutung zu“, schreibt die „Computerwoche“. Mehr als je zuvor sei individuelle Führung gefragt. Es gehe darum, das Potenzial des einzelnen Mitarbeiters freizusetzen, damit er sein Können entfalten könne und wolle. „Führungskräfte müssen deshalb heute mehr als nur Dirigent und Stratege sein. Sie benötigen Coaching-Know-how“, ist zu lesen. Insbesondere der Fach- und Führungskräftenachwuchs erwarte heute, dass Vorgesetzte eher Coach als Chef und mehr Mentor als Kontrolleur seien.

Brandenburg freut sich auf die neue Tesla-Fabrik, deren Bau Tesla-Chef und Gründer Elon Musk im November verkündete. Bis zu 10.000 Arbeitsplätze sollen dort entstehen. „Doch was erwartet deutsche Fachkräfte bei Tesla? Und was erwartet Elon Musk von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern?“, fragt die Zeit in einem Kommentar. Die Autorin ahnt nichts Gutes. 80- und mehr Stunden-Wochen seien bei Tesla normal, Musk verlange enorm viel von allen Beschäftigten, ob in der Entwicklung oder am Fließband. Um Fachkräfte zu gewinnen und zu sichern, müsse das Unternehmen in Deutschland einiges mehr bieten als am Stammsitz in Kalifornien.