Medienbeobachtung Mai 2018

Wirtschaftsunternehmen, aber auch immer mehr Kommunen und Institutionen suchen Fachkräfte. Längst haben einige von ihnen das Ausland als Reservoir für Expertinnen und Experten – von Pflege bis IT – für sich entdeckt. Die rechtlichen und praktischen Hürden sind jedoch zahlreich und hoch. Dies wurde beispielsweise beim Fachdialog „Qualifizierte Zuwanderung“ deutlich, den das Innovationsbüro Fachkräfte für die Region gemeinsam mit dem Projekt „Unternehmen Berufsanerkennung“ im Mai in Berlin durchführte. Die Stimmen für klare Regelungen werden indes immer lauter. So griffen im Mai einige Medien die Äußerungen des Vorstandsvorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit auf, der ein Fachkräftezuwanderungsgesetz fordert.

Bis es so weit ist, lassen sich die Unternehmen viel einfallen, um Fachkräfte zu finden und zu binden. Dabei finden sie sich bisweilen ihrerseits in der Rolle von Bewerbern wieder – Bewerbern um den richtigen Fach- und Führungskräftenachwuchs. Was nach Ansicht verschiedener Medien helfen kann, um den Personalbedarf zu sichern: schnellere Bewerbungsprozesse, Weiterbildung – und eine Stärkung des ländlichen Raums.

Überregionales

„Wir brauchen ein Fachkräftezuwanderungsgesetz“, zitiert die ZEIT Detlef Scheele, den Vorstandsvorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit. Das Arbeitskräftepotenzial steige langsamer als die Beschäftigung. „Wir werden die Lücke nicht alleine durch Inländer und EU-Ausländer decken können“, sagte Scheele laut der Wochenzeitung. Nötig sei deshalb ein Gesetz, das die Regeln zur Einwanderung systematisiere.

 

„Wenn der Arbeitsmarkt keine Fachkräfte hergibt, müssen Unternehmen kreativ werden“, findet die WirtschaftsWoche. Sie ließen sich inzwischen einiges einfallen – griffen aber zunehmend auch auf ein altbewährtes Mittel zurück: „Einer Studie des Marktforschungsinstituts Kantar TNS zufolge setzen fast drei Viertel (73 Prozent) der Teilnehmenden auf Weiterbildung als Instrument gegen Fachkräftemangel“, schreibt das Magazin. Befragt wurden rund 300 Personalverantwortliche. Zwar sei es nicht so, dass Weiterbildung erst jetzt wiederentdeckt werde. Doch habe sich das Bewusstsein für die Bedeutung von Weiterbildung erweitert.

 

Auch die Süddeutsche Zeitung befasste sich im Mai mit der Kreativität der Firmen im Wettbewerb um neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Arbeitgeber sehen sich zunehmend in der Rolle des Bewerbers um Nachwuchs und Fachpersonal. Das erfordert Fantasie und den Einsatz subtiler Mittel“, heißt es in dem Bericht. Ein einfacher „Tag der offenen Tür“ reiche nicht. Wer jedoch bei Veranstaltungen auf prominente Gastredner setze, bei einem Rundgang durch das Haus einen Blick auf die Gestaltung der Arbeitsplätze, die Kinderbetreuung oder weitere Arbeitgeberleistungen gewähre und das Augenmerk der Besucher ganz nebenbei auch auf Aushänge mit vakanten Jobs lenke, könne durchaus punkten.

 

Ob das allein hilft, wenn die betreffende Firma mitten auf dem Land sitzt? Der Tagesspiegel aus Berlin berichtete im Mai über das von der Zeitung selbst veranstaltete „Fachforum Ländlicher Raum“. Thema: die Zukunftschancen des Arbeitsmarktes auf dem Land. In vielen Regionen werde die Infrastruktur – etwa die Ausstattung mit Kindergärten, Schulen, Geschäften, Arztpraxen oder schnellem Internet – immer schwächer. Folge: Vor allem junge Leute ziehen in die Großstädte. Weitere Folge: „Der Fachkräftemangel ist auf dem Land besonders groß“, schreibt der „Tagesspiegel“.

 

Auf ein anderes Phänomen im Zusammenhang mit der Fachkräftesuche weist die WirtschaftsWoche hin. Laut einer Umfrage unter hochrangigen Managern nehme die Ungeduld unter Bewerbern immer mehr zu. Die Firmen seien gleich mehrfach gefordert: „Knapp ist die Zahl der potentiellen Mitarbeiter, dazu stellen sie immer neue Ansprüche und lassen sich immer häufiger bitten“, heißt es in dem Magazin. Die Konkurrenz schlafe nicht und schnappe einem Unternehmen womöglich in letzter Minute den Top-Kandidaten mit einem noch attraktiveren Angebot weg. „Bei alldem macht die Digitalisierung es notwendig“, so die „WirtschaftsWoche“, „die Bewerbungsprozesse zugänglicher, bequemer und schneller zu gestalten.“ Dies sei auch sinnvoll vor dem Hintergrund, dass die Entscheidung für einen Bewerber in vielen Firmen zu lange dauere. Die Gefahr: Die Kandidaten würden ungeduldig und sprängen ab.

 

Regionale Meldungen

Der Fachkräftemangel gilt inzwischen als Wachstumsrisiko – auch in Berlin. „Aber ist der Mangel echt? Gibt es unter den 160.000 Arbeitslosen in Berlin wirklich keine Elektriker, Ingenieure oder Heizungsinstallateure?“, fragte die Berliner Zeitung im Mai. Und zeichnete ein differenziertes Bild. Laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln seien in Berlin die Chancen für Unternehmen, ihre Stellen zu besetzen, deutlich besser als in anderen Bundesländern. Dennoch nähmen die Schwierigkeiten zu. „Tatsächlich war unzureichende Qualifikation einer bundesweiten IAB-Studie zufolge im vergangenen Jahr in 23 Prozent der Fälle ein Hemmnis bei der Besetzung einer ausgeschriebenen Stelle“, heißt es in dem Bericht. Allerdings habe es noch häufiger, bei einem Drittel der Fälle, an fehlenden Bewerbern gelegen. „Das kann den Mangel beziffern. Es muss aber nicht zwingend bedeuten, dass es keine Bewerber gab, sondern ihnen die Stelle nicht attraktiv genug erschien“, schreibt die Hauptstadtzeitung.

 

Über besonders starken Fachkräftemangel klagt bundesweit die Pflegebranche. Beispiel Hessen: Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Mai berichtete, dauere es in diesem Bundesland inzwischen 188 Tage, bis eine freie Stelle in der Altenpflege wieder besetzt werden könne. Bei qualifizierten Fachkräften ziehe sich die Suche noch länger hin, dann dauere es durchschnittlich 235 Tage, fast acht Monate. In der Krankenpflege sehe es nicht viel besser aus.

 

Schlaglicht Arbeiten 4.0

 

Mit der zunehmenden Digitalisierung steigt der Veränderungsdruck auf Führungskräfte. Die WirtschaftsWoche verkündete im Mai, der alte Führungstyp habe in Zeiten von Arbeit 4.0 ausgedient. „Die sich wandelnden Märkte zwingen Unternehmen dazu, ihre Organisationsstrukturen neu zu denken. Vor allem Führungskräfte müssen sich neu aufstellen. Dieser Meinung sind auch ihre Mitarbeiter: Sechs von zehn Fachkräften glauben, dass das aktuelle Verhalten ihrer Vorgesetzten nicht geeignet sei, um schnell auf neue Marktdynamiken zu reagieren“, heißt es in dem Bericht unter Berufung auf eine Studie von StepStone und Kienbaum. Führung müsse künftig stärker geteilt werden. Das Stichwort: „Shared Leadership“. „Gemeint ist die Idee, Team-Mitgliedern einzelne Führungskompetenzen oder temporär gar die gesamte Führung eines Projekts zu übergeben“, so die „WirtschaftsWoche“, „Hierarchien werden dadurch flacher, Autoritäten dezentralisiert.“