Medienbeobachtung März 2019

Aus Sicht der Wirtschaft verschärft sich der Fachkräftemangel weiter. Zu dem Problem tragen, wie die Medienberichte im März zeigen, äußerst unterschiedliche Aspekte bei. So lernen wir vom Berliner „Tagesspiegel“, dass es nicht allein der Einwanderung von Fachkräften bedürfe, sondern der „Zuwanderung von bildungsinteressierten Familien“, um auch die Kinder und Jugendlichen als spätere Arbeitskräfte zu gewinnen.

Im Landkreis München treibt die Firmen das Problem um, dass Wohnen zu teuer geworden ist. Die Unternehmen suchen „dringend nach immer neuen Fachkräften, die am Ende des Tages aber nicht wissen, wo sie wohnen sollen“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. Der „Tagesspiegel“ sieht überdies ein Problem bei den Babyboomern, die mehrheitlich schon vor ihrem 65. Geburtstag würden in Rente gehen wollen, was wiederum auch mit dem negativen Image von Arbeit in Deutschland zu tun habe.

In unserem „Schlaglicht Arbeiten 4.0“ greifen wir einen großen Bericht des „Deutschlandfunks“ auf, der beispielhaft verdeutlicht, wie die Digitalisierung der Arbeit Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen zwingt, ihre Lehrkonzepte und Ausbildungsinhalte anzupassen. Außerdem werfen wir mit der „WirtschaftsWoche“ einen Blick ins Home-Office – einen Arbeitsort, der im Zuge der Digitalisierung stark im Trend liegt. 

Überregionales

„Trotz einer schwächeren Konjunktur verschärft sich der Fachkräftemangel in Deutschland aus Sicht der Wirtschaft weiter“, schreibt die Allgemeine Zeitung aus Mainz im März. Sie beruft sich auf den jüngsten Arbeitsmarktreport des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). 49 Prozent der Firmen hätten Probleme, offene Stellen zu besetzen, im Vorjahr seien es 47 Prozent gewesen. Besonders stark betroffen sei die Bauwirtschaft. „Damit verzögere sich etwa der Ausbau der digitalen Infrastruktur“, zitiert die Zeitung aus dem Report. 

Deutschland will künftig vor allem Fachkräfte einwandern lassen. „Besser wäre es, gleich auf die zweite Generation zu setzen“, schreibt die Hauptstadt-Korrespondentin des Berliner Tagesspiegels, Ulrike Scheffer, in einem Essay. Das Land werde bis 2060 mehr als ein Fünftel seiner produktiven Bevölkerung verlieren. Migration sei, zitiert die Autorin einen kanadischen Migrationsforscher, der einzige Weg, mit dem demografischen Wandel umzugehen. Erfolgversprechender als die geplante Fachkräfteeinwanderung „wäre, die Zuwanderung von bildungsinteressierten Familien zu begünstigen und sich intensiv um die Integration der mitreisenden Kinder und Jugendlichen zu bemühen“, heißt es in dem Essay. 

Ebenfalls im März berichtet der Tagesspiegel, dass die Zahl der ausländischen Fachkräfte in Pflegeberufen steige. Sie habe sich einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung zufolge binnen fünf Jahren versechsfacht. Die meisten Pflegekräfte im Berichtsjahr würden aus den EU-Ländern Rumänien, Kroatien, Polen und Ungarn stammen. Die Zuwanderung solle dem Fachkräftemangel entgegenwirken, berge aber auch Konflikte aufgrund von unterschiedlichen Ausbildungen, dem beruflichen Selbstverständnis und der Arbeitsorganisation. „Blieben diese Konflikte ungelöst, könnten sie der Studie zufolge dazu führen, dass die Fachkräfte in ihre Herkunftsländer zurückkehrten“, schreibt der Tagesspiegel. 

„Deutschen Herstellern und Zulieferern fehlen die nötigen Fachkräfte für die Umstellung auf Elektromobilität“, warnt die Automobilwoche und beruft sich dabei auf den Branchenkompass Automotive 2019 des Consulting-Unternehmens Sopra Steria und des F.A.Z.-Instituts. „Um batteriebetriebene Fahrzeuge im großen Stil auf die Straßen zu bringen, müsse die komplette Wertschöpfungskette umgebaut werden, referiert der Bericht die Studie. „Und dafür brauchten die Unternehmen zusätzliches Know-how in den Bereichen Elektrotechnik, Mechatronik, Software und einigen weiteren.“ Viele Hersteller und Zulieferer würden, weil entsprechende Fachkräfte auf dem Markt Mangelware wären, auf Fortbildungen und Umschulungen setzen, um die Wissenslücke zu schließen. „Mit E-Learning-Programmen wolle die Branche möglichst viele Mitarbeiter in kurzer Zeit qualifizieren“, schreibt die Automobilwoche.

Regionale Meldungen 

Im Landkreis München gibt es laut einer aktuellen Unternehmensbefragung ein ganz spezielles Problem: Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, verstärken die steigenden Immobilienpreise den Fachkräftemangel. Die Unternehmen suchen „dringend nach immer neuen Fachkräften, die am Ende des Tages aber nicht wissen, wo sie wohnen sollen“, schreibt die SZ. Nahezu 70 Prozent der Befragten zeigen sich laut SZ vom Fachkräftemangel betroffen. Vier von fünf Firmen fänden die Kosten fürs Wohnen schlicht zu hoch. „Nur wenige führen an, dass mangelnde Sprachkompetenzen oder die mangelnde Bereitschaft des Bewerbers, den Wohnort zu wechseln, ursächlich für Probleme bei der Besetzung von Stellen seien“, heißt es in dem Bericht.

Nachhilfe für Angelernte und Azubis zahlt sich offenbar aus. Im Interview mit dem Handelsblatt berichtet Marcus Rieger, Personal-Geschäftsleiter des Wurstherstellers H. Kemper GmbH & Co. KG im Landkreis Osnabrück, über die Schwierigkeiten, freie Stellen adäquat zu besetzen. Die Firma, heißt es in dem Artikel, folge „einem Trend: Unternehmen geben ihren angelernten Kräften immer häufiger selbst Nachhilfe, zum Beispiel in Deutsch oder IT“. Rieger: „Die Mitarbeiter sind hochmotiviert, wenn sie spüren, dass auch sie etwas dazulernen können und wir ihnen dabei helfen. Sie sind danach durchaus in der Lage, auch mal eine Gruppe an der Verpackungslinie zu führen oder sich sogar weiter hochzuarbeiten. Und weil sich das herumspricht, werden wir als Arbeitgeber attraktiver.“

Schlaglicht Arbeiten 4.0

„Nicht Plage, Freude soll es sein!“, überschreibt der Tagesspiegel aus Berlin im März einen Kommentar zum Image von Arbeit in Zeiten, in denen die Babyboomer in Frührente streben, während gleichzeitig Nachwuchskräfte fehlen. Laut einer Studie der Universität Wuppertal würden 69 Prozent der derzeit berufstätigen Babyboomer nicht erst mit 65 Jahren in Rente gehen wollen, sondern möglichst früh. „Das ist für eine Industrienation wie Deutschland keine gute Nachricht, vielleicht ist sie sogar dramatisch“, schreibt die Autorin. Arbeit habe in Deutschland kein positives Image. Sie sei Synonym für Last und Plage, für Fremdbestimmtheit und Druck von außen. „Das gilt es zu ändern“, heißt es in dem Kommentar. „Und zwar dringend, wenn zur Nachwuchsbrache nicht noch die Frührentnerwüste kommen soll.“ Mit Blick auf die Debatte über Arbeiten 4.0 befindet die Autorin, dass die Digitalisierung nicht dazu führen dürfe, dass sich die Menschen an den Rand gedrängt fühlen. Genau das „könnte ihre Beziehungen zur Arbeit demolieren“.

Wir müssten „erkennen, dass Arbeit und die dazugehörende eigene Welt sinnstiftend sind“, findet der Autor Uwe Schummer in einem Beitrag in der WirtschaftsWoche. Das Home-Office, das in Zeiten der Digitalisierung immer mehr in Mode komme, könne Teil dieser Welt sein. Aber: „Der Anspruch muss sein, die familiäre Arbeit, das Private und die Erwerbsarbeit, so zu gestalten, dass alle Lebensbereiche zu ihrem Recht kommen“, fordert der Autor. Das Parlament solle deshalb einen Rahmen schaffen, den Betriebs- und Tarifparteien ausfüllen.

„Die Digitalisierung der Arbeit zwingt Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe, ihre Lehrkonzepte und Ausbildungsinhalte anzupassen“, heißt es in einem Hörfunkbeitrag im Deutschlandfunk. Die Digitalisierung werde die Arbeit enorm verändern, deshalb müsse auch die berufliche Aus- und Weiterbildung neu gestaltet werden. Am Beispiel von Airbus in Hamburg verdeutlicht der Bericht, dass viele Prozesse in der Produktion komplexer und schneller werden. Deshalb sei die Arbeit in den Werkhallen nur noch in sich selbst organisierenden Teams möglich, sagt der Ausbildungsleiter am Hamburger Airbus-Standort. Sein Fazit: „Ich glaube, wir müssen die Auszubildenden stärker und persönlich auf diese schnellen Veränderungsprozesse vorbereiten. Dass sie lernen, sich offen zu artikulieren, Sachen offen auszusprechen, selber Lernbedarfe auch erkennen, und sich auch selbst immer wieder Feedback einholen von den Kollegen.“