Medienbeobachtung Juni 2020

Das Thema Ausbildung ist nun ganz oben angekommen: Im Juni appellierten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sowie die Spitzen von Wirtschaft und Gewerkschaft an die Unternehmen in Deutschland, auch in der Corona-Krise weiter auszubilden. Mehrere Medien griffen nicht nur den Appell auf, sondern zeigten auch, dass die Ausbildungszahlen in vielen Regionen zurückgehen. Dies hat auch mit Corona zu tun – sowohl bei Firmen als auch Jugendlichen herrschte viele Wochen lang eine starke Verunsicherung. Berichte weisen allerdings darauf hin, dass die Zahl der Bewerbungen und Ausbildungsplätze auch vorher schon rückläufig gewesen sei. Und deutlich wird in der Berichterstattung: Der Fachkräftemangel erledigt sich nicht mit der Corona-Krise. Sobald es den Firmen wieder besser gehe, seien sie wieder auf Fachkräfte angewiesen, auf manchen Feldern – etwa in Sachen Digitalisierung – sogar mehr denn je, so der Tenor der Medienberichte.

Dazu passt, dass mehrere regionale Medien von Initiativen einzelner Städte und Landkreise berichten, die alle eins gemeinsam haben: das regionale Fachkräftemarketing zu verbessern. Auch dort geht man also davon aus, dass Fachkräfte weiterhin in vielen Bereichen Mangelware sind und in die Regionen gelockt werden müssen.

Erfreulich: Ein paar Medien greifen die diesjährige Auszeichnung „Innovatives Netzwerk 2020“ auf. Das Bundesarbeitsministerium und das Innovationsbüro haben auch dieses Jahr fünf regionale Netzwerke für besonders gute Arbeit gekürt – wenn auch diesmal nicht persönlich auf der großen Bühne, sondern beim ersten rein „WIR-tuellen Innovationstag“.
 

Überregionales

Der Bundespräsident und die Spitzen von Wirtschaft und Gewerkschaften appellierten im Juni an die Unternehmen, trotz Corona auszubilden. Zahlreiche Medien berichteten, unter anderem die Zeit. „Setzen Sie wo immer möglich und trotz schwieriger Rahmenbedingungen Ihr Engagement für die Ausbildung fort“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung, aus der die Wochenzeitung zitiert. „Schaffen Sie Ausbildungsplätze, und nutzen Sie dafür auch die von Bund und Ländern in historischen Dimensionen bereitgestellten Hilfsprogramme.“ Denn: „Es geht um die Zukunftschancen der jungen Generation und Ihre Fachkräfte von morgen.“ Hintergrund sei die Befürchtung, dass viele Unternehmen, die durch die Corona-Pandemie in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, ihre Ausbildungsaktivitäten einstellen oder reduzieren könnten.

In der Tat verschärft sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt. Die Corona-Krise schlage auf dem Ausbildungsmarkt voll durch, es sei ersichtlich, dass die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze tatsächlich sinkt, berichtet das ZDF im Juni. Die Bundesagentur für Arbeit spreche mittlerweile von einem Minus von neun Prozent bei den angebotenen Ausbildungsplätzen. Allerdings sei die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen und Bewerber bereits vor der Pandemie rückläufig gewesen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund sehe eine Verunsicherung bei den Jugendlichen. Für Auszubildende sei nicht sicher, wann ihre Prüfungen anstehen, wie es mit der Ausbildung weitergehe und ob es mit der Übernahme nach der Ausbildung klappt. „Auch Schulabgänger wissen nicht, ob sie den erhofften Ausbildungsplatz bekommen“, heißt es in dem Bericht. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag gehe davon aus, dass sich die sonst üblichen Schritte auf dem Weg in die Ausbildung derzeit etwa um zwei bis drei Monate nach hinten verschoben haben.

Warum sich Ausbildung für die Unternehmen auszahlt, beleuchtet im Juni die FAZ. Der Tageszeitung lag vorab eine neue Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn vor. Demnach hätten sich die Nettokosten für die Betriebe in den vergangenen Jahren kaum erhöht: Im Ausbildungsjahr 2017/18 hätten sie sich lediglich auf 153 Euro mehr belaufen als fünf Jahre zuvor. Zwei Drittel der Kosten für Auszubildende würden im Schnitt schon dadurch gedeckt, dass die Lehrlinge neben ihrer Ausbildung im Betrieb mitarbeiten und Erträge erwirtschaften. „Wird der Lehrling übernommen, kann ein großer Teil der Ausgaben zudem dadurch ausgeglichen werden, dass Geld für die externe Rekrutierung gespart wird“, schreibt die FAZ. Die Befragung zeige laut BIBB, dass sich Ausbildung für einen Großteil der Firmen lohne.

Ein Appell pro Ausbildung kommt auch von der staatlichen Förderbank KfW. „Ich kann wirklich nur anraten, Fachkräfte so weit möglich bei der Stange zu halten“, zitiert Internet World Business die Chefvolkswirtin der KfW, Fritzi Köhler-Geib. Der Fachkräftemangel werde in der Zeit nach der Corona-Krise wieder der limitierende Wachstumsfaktor in Deutschland werden. Die Corona-Krise werde den Strukturwandel in vielen Branchen noch weiter vorantreiben – etwa bei der Digitalisierung vieler Berufsfelder der bei mehr Klimabewusstsein. Zwei Drittel aller Berufe wiesen bereits jetzt Fachkräfteengpässe auf, viele offene Stellen seien länger als 160 Tage unbesetzt, weil die Unternehmen keine passenden Bewerber fänden, heißt es in dem Beitrag unter Berufung auf eine KfW-Studie zum Thema.

Gute Nachrichten verbreitet die Berliner Morgenpost im Juni: „Deutsch als Fremdsprache steht für weltweit mehr als 15,4 Millionen Menschen auf dem Stundenplan“, schreibt sie. Während die Gesamtzahl im Vergleich zu 2015 damit annähernd gleich bleibe, steige das Interesse am Deutschlernen vor allem in Afrika und Asien, heißt es mit Bezug auf die alle fünf Jahre erstellte Studie „Deutsch als Fremdsprache weltweit“, die das Auswärtige Amt in Berlin im Juni zusammen mit dem Goethe-Institut, der Deutschen Welle, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) veröffentlichte. Die Zahl der Schulen mit Deutschunterricht sei nach der Erhebung von 95.000 auf etwa 106.000 gestiegen. Zudem spiele die sprachliche Qualifizierung von Fachkräften aus dem Ausland in der Deutschförderung eine zunehmend wichtigere Rolle.
 

Regionale Meldungen

In Rheinland-Pfalz ist die Zahl der Auszubildenden laut einem Bericht der Saarbrücker Zeitung auf einem 20-Jahres-Tief angelangt. Sie sei allerdings schon vor Corona gesunken. „Nach Angaben des Statistischen Landesamtes befanden sich im vergangenen Jahr knapp 64.900 junge Menschen in einer Ausbildung, davon 19.900 im Handwerk und 35.700 im Bereich Industrie und Handel“, schreibt die Regionalzeitung. Die Zahl liege abermals leicht unter der des Vorjahrs. Zwischen 1999 und 2019 sei die Zahl der Auszubildenden damit um rund 36 Prozent gesunken. „Den Rückgang führen die Statistiker etwa darauf zurück, dass zum Beispiel das Handwerk mit anderen Ausbildungs- und Studienangebote konkurrieren muss“, heißt es in dem Bericht.

Dazu passt eine Meldung auf handwerksblatt.de. „Das Zukunftsbündnis Fachkräfte Saar (ZFS) will die negativen Folgen der Corona-Pandemie auf das Ausbildungsgeschehen eindämmen“, schreibt das Handwerksblatt. Die saarländische Landesregierung, die Wirtschafts- und Sozialpartner sowie die Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit hätten sich darauf verständigt, ihre jeweiligen Unterstützungsangebote zu intensivieren.

Im Eifelstädtchen Gerolstein soll demnächst ein Coworking Space eingerichtet werden. Das berichtet der Trierische Volksfreund im Juni. „Die Arbeitswelt der Eifel ist mindestens genauso im Wandel wie in den Ballungsräumen. Um junge Fachkräfte zu locken und zu halten, muss sich gerade der ländliche Raum viel einfallen lassen“, schreibt die Regionalzeitung. Daran habe auch die Pandemie nichts geändert, im Gegenteil. Die Zeitung berichtet von einem Unternehmen, dass auf der Suche nach geeigneten Räumen mit gutem Internetanschluss in der Mineralwasser-Stadt fündig wurde und unter dem Namen „Workspace Gerolstein“ nun auch Arbeitsplätze an Externe vermietet.

„Weit hinter den Erwartungen bleibt in der Corona-Krise die Anwerbung ausländischer Fachkräfte zurück“, berichtet der Mannheimer Morgen im Juni mit Blick auf das seit März geltende neue Gesetz, das die Fachkräfteeinwanderung aus Nicht-EU-Staaten erleichtern soll. Bis Mitte April hätten Unternehmen in Baden-Württemberg aber nur Anträge für 106 Mitarbeiter gestellt. „Die Bundesregierung war davon ausgegangen, dass pro Jahr 25.000 Personen die neuen Möglichkeiten nutzen würden, für den Südwesten wären das rund 3.000“, heißt es in dem Artikel. Dennoch sei er überzeugt, dass zum Beispiel die IT-Branche, die Bauwirtschaft oder der Garten- und Landschaftsbau weiter auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen seien, zitiert die Zeitung den Arbeitsmarktexperten der Arbeitgeberverbände Baden-Württemberg.

Nach dem Schulabschluss suchen viele junge Menschen einen Ausbildungsplatz, und das Handwerk sucht immer Nachwuchs. „Eine neue Online-Plattform der Unternehmerfrauen bringt jetzt beide Seiten zusammen“, berichtet der Münchener Merkur im Juni aus dem Landkreis Freising. Unter ausbildungundhandwerk.de fänden alle, die einen Praktikumsplatz oder eine Lehrstelle in der Region suchen, neun verschiedene Berufe in 20 Unternehmen – und es würden noch mehr, schreibt der Merkur. „Oft ist die Krux, dass die Internetseiten der Handwerksbetriebe eher den Kunden ansprechen“, zitiert die Zeitung die Marketingberaterin des Unternehmerfrauen-Landesverbands. „Wir möchten uns davon unterscheiden: Der Fokus unserer Seite liegt auf den Jugendlichen.“

„Eine Region sucht Fachkräfte“, heißt es auch im Landkreis Uelzen. Die Kreisverwaltung habe nun ein Projekt zum Fachkräftemarketing auf den Weg gebracht, berichtet die Allgemeine Zeitung im Juni. Der erste Schritt seien eine Bestandsaufnahme und Fragen an Pendler, Berufseinsteiger und Unternehmen. Der direkte Kontakt mit Firmen habe beispielsweise gezeigt: Für Stellenbewerber spiele die Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine gewichtige Rolle. Die Nahmobilität werde als Thema gesehen. Auch Wohnungen brauche es für Berufseinsteiger in der entsprechenden Größe, so der Tenor. Für Schüler komme es ebenfalls auf eine gute Mobilität an, außerdem müsse das Mobilfunknetz besser werden.

Auch im Landkreis Landsberg bei Augsburg will man Fachkräfte anlocken. „Der Landkreis soll zu einer bekannten Marke werden, um im Wettbewerb um Arbeitskräfte mit anderen Regionen bestehen zu können“, teilt die Augsburger Allgemeine im Juni mit. Gleichzeitig solle auch die Identifikation der Bevölkerung mit dem Landkreis gestärkt werden. Erreicht werden solle beides durch ein Projekt, in das insgesamt 431.000 Euro fließen.
 

Netzwerke

Auf sieben Innovationstage in Berlin folgte dieses Jahr aus Corona-Gründen der erste „WIR-tuelle Innovationstag“. Das hinderte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und das Innovationsbüro nicht daran, auch dieses Jahr wieder „Innovative Netzwerke 2020“ zu küren. Dazu gehört das Netzwerk zoneEINZ aus Feldberg. Wie der Nordkurier aus Neubrandenburg berichtete, wurde dessen in den vergangenen dreieinhalb Jahren entwickeltes Format „Löwenpitch“ ausgezeichnet, das der Talentefindung diene. „Dabei präsentieren sich sechs Unternehmen innerhalb von jeweils zehn Minuten auf einer Bühne in sogenannten Pitches, um Karrierechancen vorzustellen und junge Menschen für eine Ausbildung oder ein Praktikum zu gewinnen“, teilte der Nordkurier mit.

Auch die Fuldaer Zeitung sowie fuldainfo.de berichten über die Preisverleihung und rücken dabei das örtliche Netzwerk Perspektiva in den Mittelpunkt. Die Perspektiva gGmbH sei im Speziellen für die Unterstützung von benachteiligten Jugendlichen ausgezeichnet worden. Das Netzwerk engagiere sich für Jugendliche, deren Fähigkeiten über die Arbeit in einer Werkstatt hinausgehen, gleichzeitig aber für den allgemeinen Arbeitsmarkt noch nicht ganz ausreichen. Ziel sei es, junge Menschen direkt im Betrieb und mit dem Betrieb zu fördern und dabei mit der individuell nötigen Unterstützung in nachhaltige Eingliederung zu begleiten. Die Fuldaer Zeitung zitiert Prokurist Jan Martin Schwarz, ab 1. Juli Geschäftsführer von Perspektiva: „Wir freuen uns sehr über die bundesweite Auszeichnung. Sie ist eine tolle Anerkennung für unser Unternehmernetzwerk Perspektiva und auch für Fulda. Der Preis spornt uns an weiterzumachen.“

Die IHK Berlin informierte auf ihrer Website zudem über die Auszeichnung des Berliner Netzwerkes Großbeerenstraße als „Innovatives Netzwerk 2020“, die Website Erstaunliches Ostwürttemberg sowie die IHK Ostwürttemberg würdigten die Auszeichnung des Netzwerks „Job für Zwei“ der Fachkräfteallianz Ostwürttemberg. Ebenfalls zum „Innovativen Netzwerk 2020“ gekürt wurde das Netzwerk Regionales Fachkräftebündnis JadeBay – der Newsletter JadeBay informierte in eigener Sache.