Medienbeobachtung Juni 2019

Bereits zum siebten Mal fand Anfang Juni in Berlin der „Innovationstag“ statt. Höhepunkt war auch diesmal wieder die Auszeichnung „Innovatives Netzwerk 2019“. Vier Fachkräftenetzwerken wurde die Ehre zuteil – und einige regionale Medien berichteten...

Ein großes überregionales Thema war im Juni das Fachkräfte-Einwanderungsgesetz, das sich auf der Zielgeraden befindet. Stellvertretend für viele bringen wir einen ausführlichen Bericht der FAZ.

Die ZEIT schaut im Juni genauer hin und will wissen, was es mit dem vielbeschworenen Fachkräftemangel wirklich auf sich hat. In der Altenpflege gebe es ihn tatsächlich, dagegen hätten Hilfskräfte erhebliche Schwierigkeiten, in der Branche einen Job zu finden. Bezogen auf die Hansestadt Hamburg äußert der Ökonomie-Professor Thomas Straubhaar in einem Interview mit der ZEIT die These, Hamburg leider gar nicht an einem Fachkräftemangel. Es gebe genug, aber die Firmen täten zu wenig, um sie an sich zu binden.

Während der MDR an einem Beispiel aus Thüringen zeigt, wie Firmen auf dem Land Fachkräfte gewinnen, helfen sich laut einem anderen Medienbericht im Kreis Offenbach die Firmen gegenseitig dabei.

In unserem Schlaglicht „Arbeiten 4.0“ erfahren wir diesmal, welche Vorteile digitale Prozesse im Handwerk haben und dass sich die Arbeitswelt der Zukunft an den individuellen Lebenskontexten der Beschäftigten orientiert und damit Innovationskraft, Effizienz und Effektivität steigert.

Überregionales

Der Bundestag hat das lange umstrittene Fachkräfte-Einwanderungsgesetz beschlossen. „Von allen Gesetzen des Migrationspakets ist es das notwendigste und wichtigste“, zitierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) am 7. Juni Bundesinnenminister Horst Seehofer. „Eine jahrzehntelange Debatte geht damit zu Ende.“ Das neue Gesetz senkt laut FAZ die Hürden für beruflich qualifizierte Fachkräfte und gleicht diese weitgehend an die bisher schon offeneren Zugangswege für Akademiker an. „So wird die sogenannte Vorrangprüfung ausgesetzt: Bisher musste im Einzelfall geklärt werden, ob für die fragliche Arbeit nicht doch ein Inländer zu finden sei. Vereinfachende Ausnahmen galten nur für eine amtliche Liste von Mangelberufen“, heißt es in dem Bericht. Nun reiche es, dass mögliche Einwanderer einen anerkannten Berufsabschluss haben und – im Regelfall – vor der Einreise eine ihrer Qualifikation entsprechenden Arbeitsstelle in Aussicht haben. Zudem könnten Fachkräfte künftig, wie schon Akademiker, für bis zu sechs Monate zur Arbeitssuche einreisen, falls sie neben geeigneten Zeugnissen ausreichende Deutschkenntnisse nachweisen, schreibt die FAZ. Zahlreiche weitere Medien berichteten ebenfalls.

„Wer IT-Experten einstellen will, muss radikal umdenken“, heißt es im Juni in der WirtschaftsWoche. 132 Tage – und damit 14 Tage mehr als im Durchschnitt aller Berufe – dauere es, bis ein Betrieb eine freie Stelle mit einer geeigneten IT-Fachkraft besetzen könne, schreibt das Magazin unter Berufung auf eine Analyse der Bundesagentur für Arbeit. Besonders gefragt seien zurzeit Software-Entwickler. Dass die Firmen sich so schwertäten, habe auch damit zu tun, dass sich viele Firmen noch nicht auf das neue Verhältnis zwischen Arbeitgeber und -nehmer eingestellt hätten. „Nicht die Bewerber müssen um eine Stelle bei einem renommierten Konzern kämpfen, sondern die Firmen um die besten Leute“, zitiert das Magazin einen Experten. Die Unternehmen würden nicht richtig suchen, sie müssten umdenken – bis hin zur Verlagerung des Firmensitzes in eine angesagte Metropole.

Zum Glück für die Regionen zieht es nicht alle Arbeitnehmer in die Großstädte. Dennoch müssen sich Firmen in der Provinz laut einem Bericht der FAZ einiges einfallen lassen, um Fachkräfte zu finden und an sich zu binden. Die FAZ illustriert an mehreren Beispielen, was sich Unternehmen alles einfallen lassen. So greift sie etwa das Beispiel eines großen Arbeitgebers in Göttingen auf und zitiert den Vorstandschef: „Wenn wir langfristig ein attraktiver Arbeitgeber sein wollen, ist die Standortattraktivität für uns enorm wichtig.“ Das Unternehmen würde gerade ein altes Firmengelände mitten im Stadtzentrum in ein lebendiges Quartier für Leben, Wohnen und Arbeiten umwandeln. Beschäftigte würden ein Vorkaufsrecht für Wohnungen erhalten. 

Im Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung erläutert Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), den Fachkräftemangel im Handwerk. Seit Jahren könnten die Betriebe stets 15.000 bis 20.000 angebotene Ausbildungsplätze nicht besetzen, auch weil sich immer mehr Schulabgänger für ein Studium entscheiden würden. „Ich bin weit entfernt von einem Akademiker-Bashing: Aber die Folge ist, dass der Fachkräftesockel, auf dem unsere ganze Wirtschaft ruht, immer brüchiger wird“, beklagt Wollseifer. Das Handwerk benötige rund 150.000 Fachkräfte mehr, der Mangel bremse das Wachstum.

Laut der Telebörse, der Anlegerseite von ntv, verschärft die Immobilienkrise den Fachkräftemangel. Fast alle Mittelständler hätten inzwischen Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen. Immer öfter würden wechselwillige Fachkräfte indes vom Wohnungsmarkt vor Ort abgeschreckt. „Beinahe jedes vierte befragte Unternehmen klage darüber“, heißt es in dem Bericht, „dass Wohnungsmangel und hohe Mieten die Anwerbung von Fachkräften erschwerten.“

Die ZEIT weist im Juni auf ein besonderes Phänomen in der Altenpflege hin. Von den rund 600.000 Menschen, die in der Altenpflege arbeiten, seien rund die Hälfte staatliche geprüfte Fachkräfte, 270.000 würden hingegen als Altenpflegehelfer arbeiten. Der Anteil der An- und Ungelernten unter diesen Hilfskräften sei hoch, 65 Prozent hätten gar keine Ausbildung. „Genau das ist ein Problem: 63 Prozent der offenen Stellen in der Altenpflege richten sich an examinierte Fachkräfte, aber gerade die fehlen“, schreibt die ZEIT. Während also qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fehlen würden, fänden Hilfskräfte nur selten einen Job in der Branche.

Regionale Meldungen

„Hamburg leidet nicht am Fachkräfte-, sondern am Führungsmangel“, lässt die ZEIT im Juni wissen. Diese These vertritt Professor Thomas Straubhaar von der Universität Hamburg im Interview mit der Wochenzeitung. „Gäbe es einen Mangel an Fachkräften, müsste der sich gesamtwirtschaftlich von selbst beheben“, argumentiert der Ökonom. Wenn bestimmte Dinge auf dem Markt rar seien, gingen die Preise nach oben, das sei ein Grundgesetz der Ökonomie. „Aber bei den Fachkräften passiert das offenbar nicht: Die Löhne sind in vielen Fällen zu gering, die Arbeitsbedingungen nicht attraktiv genug“, sagt Straubhaar. „Es gibt gerade in der Metropole Hamburg genügend Fachkräfte, aber die Arbeitgeber tun zu wenig, um sie an sich zu binden.“ Angebot und Nachfrage seien nicht deckungsgleich. „Es gibt also gar keinen absoluten Mangel“, so Straubhaar, „sondern ein Auseinanderklaffen der Erwartungen von Arbeitgebern und -suchenden.“

„Wie Firmen auf dem Land Fachkräfte gewinnen“, erklärt im Juni der MDR. Der Sender berichtet über einen mittelständischen Süßwarenhersteller in Thüringen, der sich allerlei einfallen lasse, um Fachkräfte zu finden und zu binden. Süßigkeiten, so viel die Beschäftigten wollen, zum Beispiel – und ein Physiotherapeut, der täglich kommt und Interessenten in einem mobilen Fitness-Center behandelt. Die Gemeinde werbe zudem mit freien Kitaplätzen um Zuzügler. Der MDR zitiert eine Expertin vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln: Junge Familien würden inzwischen merken, dass das Leben in den Städten immer teurer wird. Wenn man diese Zielgruppe anspreche, könne man punkten. Sie empfiehlt deshalb den Firmen auf dem Land, auch in Städten nach Personal zu suchen.

Im Kreis Offenbach informieren sich Unternehmen untereinander darüber, wie es gelingen kann, Fachkräfte zu werben. Darüber berichtet die Frankfurter Rundschau im Juni. „Unternehmer helfen Unternehmern“ – unter diesem Motto würden sich regionale Mittelständler in jeweils fünf fünfminütigen Beiträgen ihre innovativen, manchmal auch unkonventionellen Ideen präsentieren, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. 

In Mecklenburg-Vorpommern (MV) geht man noch einen Schritt weiter – nämlich nach Vietnam. Wie die Ostsee-Zeitung berichtet, plant das Schweriner Wirtschaftsministerium ein eigenes Büro in Hanoi und eine Akademie im Süden des Landes. Ziel: „Ab 2020 sollen jährlich 120 Vietnamesen gegen den Fachkräftemangel in MV für Pflege und Gastronomie ausgebildet werden“, heißt es in dem Zeitungsbeitrag.

Netzwerk-Nachrichten

Am 3. Juni zeichneten das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und das Innovationsbüro Fachkräfte für die Region vier Fachkräftenetzwerke als „Innovative Netzwerke 2019“ aus. Einige regionale Medien berichteten. Hier drei Beispiele:

Junge Menschen für eine Ausbildung in der Region begeistern, das sei das Ziel der Ausbildungskampagne „Moin Future“, ein Projekt der Allianz für Fachkräfte Nordostniedersachsen unter Trägerschaft der Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg, schreibt die Celler Presse. Nun sei die Kampagne ausgezeichnet worden. Die Zeitung greift auch das Thema des Innovationstags auf: „Die Arbeit von morgen gestalten! Netzwerke für Qualifizierung und Weiterbildung in kleinen und mittleren Unternehmen nutzen“. „Ein Motto, das wie maßgeschneidert auf ‚Moin Future‘ passt“, befindet die Celler Presse.

Die Märkische Allgemeine widmet sich der Auszeichnung des Netzwerks „Schule- & Wirtschaftsforum PM“. „Uns geht es darum, die Kräfte zu bündeln, sich zusammenzuschließen und gemeinsam gute Lösungen zu finden“, zitiert das Blatt Caroline Stallbaum und Linda Schröder, Projektleiterinnen des Netzwerkes. „Dabei orientieren wir uns bei der alltäglichen Arbeit stark an den Bedarfen der Unternehmen des Landkreises.“ Auch das Nachrichtenportal City Report-pnr24 widmet dieser Auszeichnung einen Beitrag.

Ein weiteres Fachkräftenetzwerk, das vom Innovationsbüro unterstützt wird, ist das FachKraftWerk Oberberg. Wie die Rheinische Post berichtet, informierte das Netzwerk im Juni rund 40 regionale Unternehmen darüber, wie Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Vor allem die rechtlichen Grundlagen sowie die sprachliche Verständigung seien Themen, die die Unternehmen interessiert hätten.

Schlaglicht Arbeiten 4.0

Das Onlineportal it-daily.net beleuchtet die Arbeitswelt 4.0 im Juni in Form eines Interviews mit Mathias Dögel, Gründer und Geschäftsführer des Technologieunternehmens Dögel GmbH. „Die Arbeitswelt 4.0 der Zukunft sollte für eine räumlich unabhängige, verantwortungsbewusste und flexible Arbeitsweise stehen“, sagt Dögel, „eine digital hochvernetzte, räumlich und zeitlich flexibilisierte Arbeitswelt, die sich an den individuellen Lebenskontexten der Mitarbeiter orientiert und damit Innovationskraft, Effizienz und Effektivität steigert.“ Der Schwerpunkt der Büroarbeit verschiebe sich von stabilen Abwicklungsprozessen und hochstandardisierten Routinetätigkeiten hin zur Wissensarbeit mit komplexen und sich dynamisch veränderten Aufgaben und Tätigkeiten. „Diese“, so der Experte, „fordern ein hohes Maß an Kompetenz und Selbständigkeit von Arbeitnehmern und Teams.“

Welche Vorteile digitale Prozesse im Handwerk haben, erläutert das Portal handwerk.com am Beispiel der Firma Roter Kältetechnik aus Garbsen. Ziel des Unternehmens sei es, durch Effizienz die Fachkräfte zu entlasten, damit die sich ihren eigentlichen Arbeiten auf den Baustellen widmen können. „Die Herausforderung ist“, heißt es in dem Firmenporträt, „die Mitarbeiter mitzunehmen und von den Veränderungen zu überzeugen.“