Medienbeobachtung Januar 2018

Ist Deutschland selbst schuld am Fachkräftemangel? Das behauptet zumindest die „Süddeutsche Zeitung“ in einem Kommentar Anfang Januar. Ein Einwanderungsgesetz, bessere Bildung und ein modernes Familienbild würden helfen, findet der Autor. Andere Medien konstatieren zu Jahresbeginn Probleme bei der Vermittlung Langzeitarbeitsloser und viele unbesetzte Ausbildungsplätze oder fordern, die Anerkennung von Qualifikationen zu vereinfachen. Klar ist also: Kaum war die letzte Neujahrsrakete am Himmel verglüht, wendeten sich die Wirtschaftsjournalisten in Deutschlands Medien wieder dem Alltag in den Unternehmen zu – und der lautet eben nach wie vor, landauf landab und unabhängig von Branche und Firmengröße: Fachkräftemangel.

Interessant auch der Blick in regionale Medien: So berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ über eine Firma, die andere Betriebe aufkaufte – um auf diese Weise an die dringend benötigten Fachkräfte zu gelangen. In Thüringen, fand der „Spiegel“ heraus, trotzen kleine Betriebe sogar Konzernen bei der Anwerbung von Fachkräften. Hoffnungsschimmer also.

Im Rahmen unseres „Schlaglichts Arbeiten 4.0“ erschienen uns diesmal zwei ganz unterschiedliche Berichte heraushebenswert: Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ greift eine Mediendebatte um die Frage auf, ob die Digitalisierung eher Männern oder Frauen schadet. Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ zeigt am Beispiel des Campus Lingen der Hochschule Osnabrück, wie man an der Entwicklung hin zu „Industrie 4.0“ dranbleiben kann.


Überregionales

44 Millionen Menschen in Deutschland sind beschäftigt, meldete die Süddeutsche Zeitung zu Jahresbeginn unter der Überschrift „Zahl der Erwerbstätigen auf Rekordhoch“. Das seien so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Allein 2017 sei die Zahl der Arbeitnehmer um 600.000 gestiegen, heißt es mit Berufung auf das Statistische Bundesamt. „Die deutsche Wirtschaft wächst seit acht Jahren ohne Pause, sodass Unternehmen mehr Aufträge bekommen und mehr Stellen schaffen“, schreibt die SZ. Doch die Entwicklung hat auch eine Schattenseite: „Weil dem Land in mehreren Branchen die Fachkräfte ausgehen“, heißt es in dem Bericht, „entbrennt eine Debatte, was sich gegen den Mangel tun lässt.“

„Auch ein Rekord kann ein Problem sein“, leitet die Süddeutsche Zeitung ihren dazugehörigen Kommentar ein. Der Autor findet, Deutschland sei selbst schuld am Fachkräftemangel, es verschlimmere den Mangel, weil das Land so strukturkonservativ sei. „Die Suche nach gut Qualifizierten wäre leicht zu vereinfachen: mit einem Einwanderungsgesetz, besserer Bildung und einem modernen Familienbild“, heißt es in dem Meinungsbeitrag.

Der anhaltende Aufschwung in Deutschland beflügele auch die Elektroindustrie, sie melde neue Rekordwerte bei der Produktion, berichtet die Tageszeitung DIE WELT. Das Problem: „Die MINT-Lücke bedroht die deutsche Elektroindustrie“. Bis zu 50.000 Mitarbeiter würden nach Einschätzung des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie fehlen – von Ingenieuren über Softwareentwickler bis hin zu Facharbeitern und Logistikpersonal. Die Elektroindustrie habe den höchsten Bedarf an MINT-Kräften, also Fachkräften aus Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Vier von fünf Verbandsmitgliedern hätten inzwischen Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen, schreibt die „Welt“.

Von dem zunehmenden Fachkräftemangel profitieren Langzeitarbeitslose offenbar nur mäßig. Zwar sei ihre absolute Zahl zurückgegangen, berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die dauerhafte Integration in den regulären Arbeitsmarkt bleibe indessen schwierig. „Fast die Hälfte der vermittelten Beschäftigungen dauere weniger als sechs Monate, zwei Fünftel mindestens zwölf Monate, teilte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) am Dienstag in Nürnberg mit. Zudem handele es sich überwiegend um Helfertätigkeiten im Niedriglohnbereich, in dem in Vollzeit nur rund 2000 Euro verdient werden“, heißt es in dem Bericht.

Kein formales Bildungszertifikat oder das falsche, aber jede Menge Kompetenzen: Offenbar arbeiten in Deutschland viele Menschen auf Fachkraft-Niveau in einem Job, für den sie formal gar nicht ausgebildet sind. Dies lässt sich einer Studie der Bertelsmann-Stiftung entnehmen, die der Deutschlandfunk im Januar zum Anlass mit dem Arbeitsmarktforscher Frank Frick nahm. Das Problem für diese Arbeitnehmer: Sie verdienen in der Regel weniger und können bei einem Wechsel des Arbeitgebers eben keine geeigneten Zertifikate vorlegen. Doch auch für die Arbeitgeber sei die Situation schwierig. „Das Wichtigste in Zeiten von Fachkräftemangel ist, die richtigen Menschen mit den entsprechenden Kompetenzen zu finden“, betont Frick, Direktor des Programms „Lernen fürs Leben“ bei der Bertelsmann-Stiftung, in dem Interview. Deshalb müsse es mehr und einfachere Möglichkeiten geben, solche Kompetenzen nachträglich formal zertifizieren zu lassen.

Der Spiegel fragte im Januar, „Warum so viele Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben“. Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze sei so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr – und das, obwohl es in Deutschland noch immer mehr Bewerber als Lehrstellen gebe. Die Jugendlichen seien wählerischer geworden, zudem würden Eltern, aber auch Lehrer häufig eher zu einem möglichst hohen Schulabschluss raten als dazu, eine Ausbildung zu beginnen. Ein weiterer Faktor: Auch viele Unternehmen seien wählerisch oder setzten auf veraltete Akquisemethoden, etwa die klassische Zeitungsanzeige.


Regionale Meldungen


Nicht selten kommt es zu Entlassungen, wenn ein Unternehmen ein anderes aufkauft. Stichwort: Synergieeffekte. Die Süddeutsche Zeitung berichtete im Januar in einer ihrer Regionalausgaben über ein Unternehmen aus dem Landkreis Starnberg, bei dem das ganz anders war: Die PTC Telecom habe keine Fachkräfte mehr gefunden. Deshalb habe sie zwei Firmen übernommen – um deren Spezialisten für sich zu gewinnen. „Ich habe die beiden Firmen erworben, weil ich deren Mitarbeiter dringend brauche. Auf dem freien Markt sind praktisch keine Fachkräfte wie Telekommunikatons-Spezialisten oder Informatiker zu kriegen. Also was sollte ich machen?", zitierte die SZ den Unternehmer.

Über andere Strategien gegen Fachkräftemangel berichtete im Januar der Spiegel. Überschrift: „Thüringer Tricks“. Der Arbeitsmarkt in Südthüringen sei fast leer, doch gerade kleine Betriebe würden erfolgreich um neue Mitarbeiter buhlen und sich sogar gegen Konzerne durchsetzen. Sie setzen „auf ungewöhnliche Maßnahmen: auf Fahrräder auf Firmenkosten, Trips nach New York, Hilfe bei der Wohnungssuche – oder auch Tugenden wie Verlässlichkeit und Loyalität. Sie tun vieles, was sich Betriebe in ganz Deutschland bald abschauen müssen“, schreibt das Nachrichtenmagazin und belegt es an einigen Firmenbeispielen.


Schlaglicht Arbeiten 4.0


Sie wollen „an der Entwicklung dranbleiben“. Wie die Neue Osnabrücker Zeitung im Januar berichtete, entsteht auf dem Campus Lingen der Hochschule Osnabrück ein „Labor Industrie 4.0“. Die Betriebe der Region würden, ebenso wie die Hochschule, mitten im Prozess hin zur Industrie 4.0 stecken. „Wir schauen auf die Fertigung, auf alles, was mit Maschinen gemacht wird“, zitiert die Tageszeitung einen der beteiligten Wissenschaftler. Dies sei klassischerweise das, was beispielsweise die metallverarbeitenden Betriebe im Emsland machen würden. „Wir müssen uns daran orientieren, was in der Region abgeht“, so der Wissenschaftler. Gezeigt werden soll, wie die digitale Vernetzung funktioniert. Vernetzt werden im „Labor Industrie 4.0“ laut NOZ aber nicht nur Maschinen, sondern auch die Bereiche Maschinenbau, BWL und Mathematik/Informatik.

Während man sich im Emsland also ganz konkret den Herausforderungen der Digitalisierung widmet, fragt die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Artikel ganz grundsätzlich: „Schadet die Digitalisierung eher Männern oder eher Frauen?“ Beide Meldungen seien in den Tagen zuvor zu lesen gewesen. Ob die Digitalisierung am Ende mehr Arbeitsplätze vernichtet oder mehr Arbeitsplätze schafft, sei Gegenstand endloser Debatten. „Weitgehend einig sind sich die Fachleute aber darüber, dass unterwegs einige Arbeitsplätze wegfallen werden: Berufe werden seltener gebraucht oder ändern sich fundamental“, heißt es in dem Beitrag. Dies betreffe nach einer aktuellen Studie vor allem Frauen, diese würden häufiger in den Berufen arbeiten, die in den nächsten zehn Jahren von der Digitalisierung auf den Kopf gestellt werden könnten. Was die Männer betrifft, so hätten diese bereits in der Vergangenheit gelitten, befindet die FAZ unter Berufung auf andere Studien. Gerade Männer mit mittlerem Bildungsniveau hätten wesentlich häufiger Stellen verloren als Frauen.