Medienbeobachtung Februar 2018

25 Prozent, ein Drittel, die Hälfte. Prognosen und Medienberichte überschlagen sich derzeit mit Aussagen darüber, wie viele Arbeitsplätze wegfallen, wenn im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung Roboter das Ruder übernehmen. Nicht immer ist klar, was genau die Grundlage für derartige Schätzungen ist. Klar ist hingegen: Sie schüren Panik – in Unternehmen ebenso wie in der Öffentlichkeit. Für unser „Schlaglicht Arbeiten 4.0“ haben wir diesmal keinen dieser Berichte ausgewählt. Stattdessen stießen wir auf zwei interessante positive Meldungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung. Ein Artikel im „Spiegel“ nährt die Hoffnung, dass Digitalisierung die Landflucht stoppen und Kommunen abseits der Metropolen profitieren könnten. In einem Interview aus Anlass der diesjährigen „Didacta“ in Hannover beleuchtet die „Hannoversche Allgemeine“ zudem die Chancen, die sich aus dem digitalen Lernen für das Engagement von Schülern ergeben.

Das Stichwort „Fachkräfte“ lieferte auch im Februar wieder zuverlässig zahlreiche Treffer. In unserer Medienauswahl diesmal unter anderem: Laut „Saarbrücker Zeitung“ und anderen Medien verbessert sich die Fachkräftesituation vieler mittelständischer Betriebe durch Geflüchtete. „Die Zeit“ beleuchtet, wie im Handwerk Bauboom und Fachkräftemangel zusammenhängen. Die „Badische Zeitung“ berichtet vom „Mitarbeiterklau“ als eher unkonventionelles Mittel zur Fachkräftegewinnung. Und die „Neue Osnabrücker Zeitung“ stellt eine „Wanderungsanalyse“ der örtlichen Industrie- und Handelskammer vor, der zufolge beispielsweise viele junge Menschen ihrer Heimatregion den Rücken kehren – und oft nicht wiederkommen.

Besonders freuen wir uns in diesem Monat über einen Bericht auf „Focus online“. Auf seinen Lokalseiten stellt das Online-Nachrichtenmagazin das „Fachkräfteforum Potsdam“ vor und berichtet über die neue Entwicklungspartnerschaft zwischen diesem Fachkräftenetzwerk und unserem Innovationsbüro.


Überregionales

Alle Experten sind sich einig: Ausbildung und Arbeit sind ein wichtiger Schlüssel zur Integration geflüchteter Menschen. Insofern stimmt ein Bericht der Saarbrücker Zeitung zuversichtlich, demzufolge immer mehr deutsche Mittelständler im Kampf gegen den Fachkräftemangel auf Geflüchtete setzen. Die Tageszeitung stellt die Ergebnisse einer Umfrage der Beratungsgesellschaft EY vor. Zwei Drittel der Befragten seien der Ansicht, dass geflüchtete Menschen mittelfristig dazu beitragen werden, den Fachkräftemangel zu mildern. Vor einem Jahr hätten dies nur 45 Prozent der Mittelständler erwartet, heißt es in dem Bericht. Zudem habe die Zahl mittelständischer Unternehmen, die geflüchtete Menschen beschäftigen, deutlich zugenommen.

„Azubis sind kommende Fachkräfte und nicht billige Arbeitskräfte“, zitiert die Süddeutsche Zeitung die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Elke Hannack. Wie die SZ berichtet, legte der DGB Vorschläge für die im Koalitionsvertrag von SPD und Union vereinbarte Mindestausbildungsvergütung vor. Er empfehle einen Mindestlohn von 80 Prozent der durchschnittlichen Tarifvergütung aller Berufe, das seien derzeit 635 Euro pro Monat im ersten Lehrjahr. Eine Mindestvergütung für Azubis sei „ein wirksames Instrument gegen Ausbildungsabbrüche“, zitiert die SZ die stellvertretende DGB-Vorsitzende. Und damit für Fachkräftesicherung, ließe sich ergänzen.

„Handwerker haben’s auch nicht leicht“, schreibt die Zeit. Die Wochenzeitung greift die zunehmenden Terminprobleme mit vielen Gewerken auf, über die Hausverwaltungen, Vermieter und private Bauherren in ganz Deutschland klagen würden. „Schuld an der Entwicklung ist der aktuelle Bau- und Immobilienboom, den die billigen Kreditzinsen antreiben“, heißt es in dem Artikel. Die Nachfrage nach Handwerkern sei viel größer als das Angebot. „In der Marktwirtschaft würde man nun erwarten, dass die Preise steigen und sich neue Anbieter etablieren, um daran zu verdienen. Doch das funktioniert nicht“, befindet der Autor. Denn viele Handwerksbetriebe fänden selbst niemanden, der die Arbeit machen wolle. Es fehle an Nachwuchs. Laut ZDH habe sich die Zahl der Lehrlinge in den bauenden und ausbauenden Gewerken halbiert, viele Ausbildungsplätze blieben unbesetzt.

Laut Wirtschaftswoche fehlen in den kleineren Unternehmen in den kommenden Jahren hunderttausende Fachkräfte sowie Nachfolger für die Chefetagen. Allerdings würden sich viele bei der Suche schwertun. Unter der Überschrift „Was Unternehmen beim Recruiting besser machen können“ gibt das Magazin deshalb einige Ratschläge. Die Art, wie Firmen auf Bewerbersuche gehen würden, sei überholt, heißt es in dem Bericht. Die „Wirtschaftswoche“ empfiehlt dagegen zum Beispiel das Prinzip „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“, Online-Bewerberportale oder generell ein aktives Recruiting. Denn die „Rekrutierung von Mitarbeitern und Führungskräften wandle sich zu einer Aufgabe, bei der die Arbeitgeber mittlerweile den aktiveren Part einnehmen müssen“, zitiert das Magazin einen Managementberater.


Regionale Meldungen

Im Schwarzwald geht der „Mitarbeiterklau“ um, schreibt die Badische Zeitung. Die Wirtschaft arbeite am Anschlag, viele Firmen seien sogar überausgelastet und würden deshalb Neueinstellungen planen. Das sei angesichts des enormen Fachkräftemangels aber ein Problem. Eine Möglichkeit, an qualifizierte Mitarbeiter zu kommen, sei, sie bei der Konkurrenz abzuwerben. „Das findet in rauen Mengen statt“, zitiert die Tageszeitung den Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Industrieller Unternehmen Baden. Die Mitglieder hätten sich deshalb auf einen Codex verständigt, zumindest von „unsittlichen Abwerbeversuchen“ abzusehen, etwa indem man eine ganze Entwicklungsabteilung eines Wettbewerbers übernimmt.

Auch in der Oberlausitz macht man sich intensiv Gedanken, wie sich Fachkräfte in der Region halten lassen. Seit 2016 gebe es ein regionales Stellenportal. Dies werde jetzt erweitert um einen „Talente-Pool“, berichtet die Sächsische Zeitung. Die Idee: Eine Firma habe eine spezialisierte Stelle zu besetzen, aber drei Bewerber. Und der Chef wisse, dass andere Unternehmen in der Oberlausitz diese auch einsetzen könnten. Der Unternehmer könne dann diese Bewerber empfehlen. „Es geht nicht darum, einfach nur eine Absage zu verschicken. Der Bewerber soll eine neue Chance bekommen“, zitiert die Zeitung Mike Altmann, Geschäftsführer des Vereins Lausitz Matrix, der für das Stellenportal verantwortlich ist. Der „Talente-Pool“ solle dabei nicht nur auf Fachkräfte beschränkt bleiben, heißt es in dem Zeitungsartikel, sondern auch Azubis einbinden.

Internationale Studierende schon während ihres Studiums mit regionalen Unternehmen in Kontakt zu bringen und ihnen frühzeitig Zukunftsperspektiven in der Region Nordthüringen aufzuzeigen – das wiederum ist Ziel des Projekt „InSAR“. Die Bleibeabsichten internationaler Studierender in Deutschland seien hoch, etwa 70 Prozent würden nach ihrem Abschluss gerne in Deutschland bleiben, berichtet das regionale Onlineportal nnz-online. Doch nur bei 38 Prozent der Studierenden gelinge der Berufseinstieg in Deutschland, wie aus einer aktuellen Studie des Deutschen Sachverständigenrats für Integration und Migration hervorgehe. Genau an dieser Stelle setze das Projekt an, das laut „nnz-online“ nun in seine zweite Projektphase geht.

Ein Problem vieler Regionen in Zeiten des Fachkräftemangels: Insbesondere zum Studieren kehren viele junge Menschen ihrer Heimatregion den Rücken – und kommen oft nicht wieder. Für die Region Osnabrück wollte es die dortige Industrie- und Handelskammer einmal ganz genau wissen. Wie die Neue Osnabrücker Zeitung im Februar berichtet, hat die IHK die Wanderbewegungen analysiert. Ergebnis: Zwar würden insgesamt mehr Menschen nach Niedersachsen ein- als auswandern. Aber: Von der für die Wirtschaft interessanten Zielgruppe der 18- bis 30-Jährigen würden zumindest in der IHK-Region Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim deutlich mehr ihre Heimat verlassen als zuziehen. Gefragt seien offenbar Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Berlin, heißt es in dem Bericht. „Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist es sehr schwer, diese jungen Leute zurückzugewinnen“, zitierte die „Neue Osnabrücker Zeitung“ Achim Dercks, den stellvertretenden Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) in Berlin.


Netzwerk-Nachrichten

Das Innovationsbüro Fachkräfte für die Region startete vergangenes Jahr Entwicklungspartnerschaften für Fachkräftenetzwerke. Sie sollen deren Gemeinschaft stärken, zur Kooperation untereinander motivieren und die Netzwerke weiterentwickeln helfen. Inzwischen gibt es bundesweit 14 Entwicklungspartnerschaften. Die jüngste Vereinbarung traf das Innovationsbüro vor kurzem mit dem Fachkräfteforum Potsdam. Darüber berichtete im Februar Focus online auf seinen Regionalseiten. „Mit der Entwicklungspartnerschaft können wir unser Netzwerk hier vor Ort stärken und qualifizieren. Der Blick über den Tellerrand kann da nur eine große Bereicherung für uns sein“, zitiert das Nachrichtenmagazin Stefan Frerichs von der Potsdamer Wirtschaftsförderung.


Schlaglicht Arbeiten 4.0

Immer wieder befassen sich Medienberichte mit den tatsächlichen und vermeintlichen Gefahren der Digitalisierung. Der Spiegel berichtet hingegen von einer möglichen positiven Entwicklung: Viele kommunale Unternehmen würden erwarten, dass das Leben auf dem Land durch die Digitalisierung attraktiver werde. Das gehe aus den Antworten von mehr als 300 Firmen hervor, die der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) befragt habe, berichtet das Nachrichtenmagazin. Rund 84 Prozent der Befragten würden glauben, dass der ländliche Raum durch die Digitalisierung als Wohn- und Arbeitsort aufgewertet werde. „67 Prozent gaben an, die zunehmende Verlagerung von Lebensbereichen wie Bildung, Wirtschaft, Politik oder Medizin ins Internet könne die strukturellen Nachteile des Lebens auf dem Land reduzieren“, schreibt der „Spiegel“.

Positiv kann auch ein anderer Aspekt der Digitalisierung sein. „Digitales Lernen erhöht das Engagement der Schüler“, überschreibt die Hannoversche Allgemeine ein Interview mit Prof. Wassilios E. Fthenakis, dem Präsidenten des Didacta Verbandes. Der Einsatz neuer Technologien in Lernprozessen könne zu einer Stärkung der Lernmotivation, zu einem höheren Engagement der Schüler und zu höherer Zufriedenheit führen, sagt der Bildungsexperte in dem Interview. Und weiter: „Zudem stärken sie selbst gesteuertes, kooperatives Lernen, problemlösendes und kreatives Verhalten. Schüler entwickeln komplexe und situationsunabhängige Beziehungen zu anderen Schülern, auch aus anderen Ländern. So entwickeln sie die digitale Kompetenz, die heute als eine der vier Kulturtechniken neben Lesen, Schreiben und Rechnen betrachtet wird.“