Medienbeobachtung Fachkräftesicherung September 2017

Für praktisch jedes Phänomen, das es gibt, finden sich auch Menschen, die es leugnen. Das gilt auch für den Fachkräftemangel. Ein „Phantom“ nennt ihn der Autor eines Artikels in der „Welt“. Gleichzeitig greifen im September eine Reihe anderer Berichte erneut wichtige Facetten des Fachkräftemangels auf, den es, folgt man diesen Medien, sehr wohl gibt.

Und nicht nur das: Es gibt sogar jede Menge kluger Strategien und kreativer Ideen, wie Firmen Fachkräfte finden und binden können. Im September lernen wir zum Beispiel, wann sich Beschäftigte dazu entschließen, lange bei ihrem Arbeitgeber zu bleiben, wie Firmen ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erneut für sich gewinnen oder wie man Studierende locken kann, nach dem Abschluss gleich als Fachkraft in der Stadt zu bleiben, anstatt den Ort zu wechseln.

Zum Schwerpunktthema „Arbeiten 4.0“ kommt eine wichtige Nachricht aus Norddeutschland: Das Land Niedersachsen baut offenbar sein Leuchtturmprojekt zur Digitalisierung in der Arbeits- und Berufswelt weiter aus und fördert an zwei neuen Standorten die Einrichtung sogenannter „smart factories“, in denen sich Azubis auf die digitale Berufswelt vorbereiten können!

Überregionales

Ist der Fachkräftemangel ein Phantom? Das fragt sich und die Leserinnen und Leser die Tageszeitung Die Welt. Viele Firmen würden auf staatliche Unterstützung hoffen, statt einen Mangel an Fachkräften im eigenen Betrieb mit neuen Ideen zu bewältigen und alle Anstrengungen darauf zu richten, selber gute Arbeitskräfte für zu gewinnen, behauptet der Autor. „Fachkräftemangel ist – wenn überhaupt – kein gesamt-, sondern ein betriebswirtschaftliches Problem“, findet der Autor. „Er tritt dort auf, wo Unternehmen nicht verstanden haben, dass sich auf dem Arbeitsmarkt die Machtverhältnisse gedreht haben.“

Wie Firmen Fachkräfte dazu bringen zu bleiben, das erörtert das Nachrichtenportal elektronik.net. Zufriedene Mitarbeiter blieben dem jeweiligen Unternehmen in der Regel lange erhalten, heißt es in dem Artikel. Mit Bezug auf eine Studie der Online-Jobplattform Stepstone zählt er sodann die fünf wichtigsten Gründe auf, weshalb Fachkräfte gerne ihren Job behalten. Dazu zählen Wertschätzung der Arbeit, ein gutes Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten, aber auch Entwicklungsmöglichkeiten und Work-Life-Balance.

Geht man davon aus, dass der Fachkräftemangel kein Phantom ist, dann kann es für betroffene Firmen auch interessant sein, ehemalige Mitarbeiter erneut zu rekrutieren. Das findet zumindest der Tagesspiegel aus Berlin. Heute seien Firmen froh, gute Ehemalige – sogenannte „Bumerang-Mitarbeiter“ – wieder einstellen zu können, schreibt das Blatt. Für den Arbeitgeber habe die Rückkehr ehemaliger Fachkräfte mehrere Vorteile: Erstens entfalle die oft kosten- und zeitintensive Einarbeitung, zweitens wisse man meistens ziemlich genau, welche Leistung und Qualität vom neuen alten Kollegen zu erwarten sei. „Das gilt umgekehrt auch für den Rückkehrer“, heißt es in dem Artikel: „Missverständnisse sind bei einem Comeback in der Regel ausgeschlossen.“

Regionale Meldungen

Die Erstsemester von heute können die Fach- und Führungskräfte von morgen sein. Allerdings auch fernab des Studienortes. In Mannheim will man sie behalten. Wie der Mannheimer Morgen berichtet, hat das dortige Stadtmarketing ein Konzept aus dem Jahr 2004 weiterentwickelt: Mit einem drei Meter hohen und drei Meter langen begehbaren Container würden nun nicht nur Erstsemester an der Universität und den Hochschulen willkommen geheißen werden, sondern zudem in anderen Städten und bei Großveranstaltungen geworben, schreibt die Tageszeitung. Das Ziel ist, junge Fachkräfte auf Dauer in Mannheim zu halten.

Kreativ ist man auch im Allgäu: Die Marketing- und Standortorganisation Allgäu GmbH habe sich im Einsatz für mehr Fachkräfte den „Jobhopper“ einfallen lassen, berichtet die Schwäbische Zeitung. Eine Person solle innerhalb eines halben Jahres 30 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen erleben. Ausgewählt worden sei eine 25-jährige Studentin der Hochschule Stralsund, die während ihres Engagements laufend im Internet über ihre Erfahrungen berichten werde. Die Allgäu GmbH erhofft sich so laut Zeitung einen großen Widerhall im Kreis des Zielpublikums in Form von jüngeren Fachkräften. Das Innovationsbüro Fachkräfte für die Region hat mit der Allgäu GmbH übrigens zwei Workshops zur Netzwerkentwicklung durchgeführt.

Schlaglicht Arbeiten 4.0

Wie arbeiten wir im Jahr 2030? Unter diesem Motto hat die Landesregierung Rheinland-Pfalz einen Dialog mit Wissenschaft und Wirtschaft angestoßen. In der Europäischen Rechtsakademie in Trier fand dazu im September die vierte Themenkonferenz statt. Wie der Trierische Volksfreund berichtet, ging es dabei unter anderem darum, wie Unternehmen etablierte Arbeitnehmer zwischen 40 und 60 Jahren mitnehmen auf dem Weg in Digitalisierung und Arbeit 4,0, wie viele gering Qualifizierte noch benötigt werden und wie Schüler und Lehrer für die Zukunft gerüstet sein müssen.

Auch in Niedersachsen geht es digital voran. Das Land Niedersachsen baue sein Leuchtturmprojekt zur Digitalisierung in der Arbeits- und Berufswelt – „Lernen und Arbeiten 4.0 in der Berufsausbildung“ – weiter aus und fördere an zwei neuen Standorten die Einrichtung sogenannter „smart factories“, berichtet die Celler Presse. Ab diesem Schuljahr sollen berufsbildende Schulen mit kaufmännischen und gewerblich-technischen Ausbildungsgängen in Lüneburg und Wolfsburg ihre Auszubildenden in den „smart factories“ auf die digitalisierte Berufswelt vorbereiten. Dies seien Lernwerkstätten, so der Bericht, die an den realen Produktionsbedingungen und Fertigungsumgebungen moderner, digital arbeitender Betriebe ausgerichtet sind.

Der Autorin eines Handelsblatt-Artikels über die neue Arbeitswelt „schwirrt der Kopf vor ständig neuen Buzzwords, angefangen bei Arbeit 1.0 bis Arbeit 4.0, über New Work, Open Space und Scrum bis hin zu Lean Startup, Holocracy und Design Thinking“. Deshalb steigt sie tiefer in das Thema ein, klärt einige Begriffe und zeigt, dass „New Work“ so neu eigentlich gar nicht.

Neu hingegen ist eine Studie der Personalberatung Hays, über die das Handelsblatt berichtet. Der zufolge setzt der Fachkräftemangel Deutschland mehr und mehr zu. Die Firmen seien nicht in der Lage, hoch qualifiziertes Personal im benötigten Maße zu finden, heiße es in dem Report. „Die Nachfrage vor allem nach Digitalexperten steige seit mehreren Jahren rasant, die Erneuerung des Ausbildungssystems halte damit aber nicht Schritt“, schreibt das Blatt. Negative Folge sei eine Spreizung auf dem Arbeitsmarkt, heißt es weiter: Geringqualifizierte würden immer schlechter, Hochqualifizierte immer besser bezahlt.