Medienbeobachtung Fachkräftesicherung Oktober 2017

Zeiten des Wandels sind gute Zeiten für Umfrageinstitute. Mit verbindlichen Aussagen, Zahlen und Statistiken versuchen die Auftraggeber, Licht ins Dunkel rund um den Fachkräftebedarf, die fortschreitende Digitalisierung und das Thema „Arbeiten 4.0“ zu bringen und nähere Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was sich genau wandelt und wie darauf bestenfalls zu reagieren ist. Unsere Medienbeobachtung im Oktober ergab gleich mehrere Treffer, denn natürlich greifen die Zeitungen, Sender und Onlineportale aktuelle Studien gerne auf.

Weiteres Thema im Oktober: das Ausland als Quelle für zusätzliche Fachkräfte. Unter anderem fordert ein Forscher des Bonner Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) eine aktive deutsche Zuwanderungspolitik ein und unterbreitet dazu in der „Süddeutschen Zeitung“ konkrete Vorschläge. Die regionalen Medien wenden sich derweil innovativen Ansätzen der Fachkräftegewinnung zu. So kooperiert ein großer Lebensmittelkonzern neuerdings mit der Bundeswehr, andere Unternehmen geben jungen Leuten ohne Abschluss eine Chance. Die „Berliner Morgenpost“ stellt zudem Rückkehrerinitiativen vor, darunter zwei Netzwerke die vom Berliner Innovationsbüro Fachkräfte für die Region unterstützt werden. In unserem Schlaglicht „Arbeit 4.0“ steht diesmal der Roboter  – unserer neuer Arbeitskollege – im Mittelpunkt.

Überregionales

Akademiker und Nicht-Akademiker stellen ganz unterschiedliche Forderungen an ihren Arbeitgeber, berichtet unter anderem die Nachrichtenmagazine Fokus und Stern. Sie beziehen sich auf die „Employer Branding Studie 2017" des Portals meinestadt.de, für die Wissenschaftler der Technischen Universität Kaiserslautern über 2.000 Fachkräfte mit Berufsausbildung dazu befragt haben, welche Aspekte ihnen bei der Wahl eines Arbeitgebers wirklich wichtig sind. Für 64 Prozent der offenen Stellen würden aktuell Fachkräfte mit Berufsausbildung gesucht“, schreibt der „Fokus“, „doch genau die werden in Stellenausschreibungen häufig falsch angesprochen.“ Klassische Karriereversprechen stehen laut „Stern“ bei der Mehrzahl der Befragten nicht besonders weit oben auf der Wunschliste. So bezeichne noch nicht einmal jeder Vierte gute Aufstiegschancen als sehr wichtigen Aspekt bei der Wahl des Arbeitgebers bezeichnen, ein überdurchschnittliches Grundgehalt sei sogar nur jedem Fünften besonders wichtig. „Die Prioritäten der Fachkräfte“, so der „Stern“, „liegen stattdessen eindeutig auf dem Thema Verlässlichkeit und Sicherheit: Ein sicherer Arbeitsplatz ist für 64 Prozent sehr wichtig, 60 Prozent nennen die Pünktlichkeit der Gehaltszahlung und 40 Prozent geregelte Arbeitszeiten.

„Junge Fachkräfte fahren voll auf Industrie ab“ – unter dieser Überschrift fasst die Wirtschaftszeitung AKTIV eine andere Umfrage zusammen. Sie stammt vom Marktforschungsinstitut Trendence und zeigt, dass die Attraktivität der Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe weiter gestiegen ist. Befragt wurden 18.000 Beschäftigte, die zu Deutschlands Fach- und Führungskräftenachwuchs zählen. Vor allem die Schlüsselbranchen Automobil- und Maschinenbau sowie Chemie schneiden laut „AKTIV“ sehr gut ab. „Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Bindung an die Schlüsselindustrien um jeweils mehrere Prozentpunkte verstärkt. Sie gewinnen also an Anziehungskraft“, schreibt das Blatt. „Daran ändert die Debatte um den Verbrennungsmotor offenbar ebenso wenig wie der sich verschärfende Wettbewerb auf dem Weltmarkt oder die Digitalisierung.“

Zum größten industriellen Arbeitgeber in Deutschland sei die Digitalbranche aufgestiegen, schreibt die Südwest Presse. In der Informationstechnik, Telekommunikation und Unterhaltungselektronik würden zum Jahresende voraussichtlich 1,077 Millionen Menschen beschäftigt sein, heißt es in der Zeitung aus Ulm mit Bezug auf den Branchenverband Bitkom. Allerdings könnten in der Branche noch mehr Menschen beschäftigt sein, wenn genügend qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stünden. Ende 2016 habe es in Deutschland 50.000 offene Stellen für IT-Spezialisten gegeben.

Der Fachkräftemangel, der inzwischen immer mehr Branchen erfasst, hat viele Ursachen. Eine macht die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) in der Rente mit 63 aus. Sie begünstige wohlhabende Beitragszahler und entziehe dem Arbeitsmarkt viele Fachkräfte, heißt es in einem Kommentar. „Es wäre also kein Fehler“, so die Kommentatorin, „wenn sich die neu formierende Koalition darüber Gedanken machte, wie man den Irrweg der Vorgänger korrigieren könnte.“

Die Süddeutsche Zeitung bietet regelmäßig externen Autoren Raum für eine „Außenansicht“. Im Oktober schrieb Holger Hinte vom Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) unter der Überschrift „Gestalten und befrieden“ zum Thema Fachkräfte. Deutschland liege im internationalen Wettbewerb um Fachkräfte zurück. Ein neues Einwanderungsgesetz sei daher überfällig. „Sollte es der nächsten Regierungskoalition gelingen, dieses wichtige Reformprojekt endlich auf den Weg zu bringen, wäre in doppelter Hinsicht viel gewonnen“, findet der Bonner Wissenschaftler. „Eine gesellschaftlich befriedende, anti-populistische Wirkung könnte schon kurzfristig eintreten, und zumindest längerfristig könnte es gelingen, gezielt die benötigten Fachkräfte für Deutschland zu gewinnen.“

In Polen werben deutsche Unternehmen schon während des Studiums um Ingenieure. Wie die Welt berichtet, seien mittlerweile viele deutsche Firmen präsent an den gut 400 polnischen Universitäten mit 1,4 Millionen Studierenden. Für den Werbeeinsatz spricht laut der Tageszeitung, dass die sogenannten Mint-Fächer bei den Studierenden im östlichen Nachbarland vergleichsweise beliebt sind. Wie die „Welt“ weiter berichtet, wachse nun jedoch die Konkurrenz um die besten Köpfe.


Regionale Meldungen

Mit dem ungleichen Kampf großer und kleinerer Unternehmen um Fachkräfte befasst sich die Badische Zeitung. In einem Interview mit dem Blatt empfiehlt Federico Orlandini von der Unternehmensberatung Gallup, einen starken Fokus auf emotionale Mitarbeiterbindung zu legen. Wer die richtigen Führungskräfte habe, schaffe Bindung – und das spreche sich herum. „Wenn jemand in seinem Bekanntenkreis erzählt, dass er einen hervorragenden Arbeitsplatz hat, dass ihm die Arbeit Spaß macht und dass sein Unternehmen gute Zukunftsaussichten hat“, zitiert die Zeitung den Unternehmensberater, „dann ist das die beste Empfehlung für den Arbeitgeber.“

Das Kölner Unternehmen Rewe beschreitet bei der Fachkräftesuche ungewöhnliche Wege. Er habe gerade eine umfangreiche Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr geschlossen, berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger. Der Lebensmittel- und Touristikkonzern habe es auf Soldatinnen und Soldaten abgesehen, die aus den Streitkräften ausscheiden und auf dem zivilen Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen. Nach Angaben der Tageszeitung aus Köln verlassen jedes Jahr zwischen 10.000 und 15.000 Soldatinnen und Soldaten die Streitkräfte.

Fachkräftemangel mache die Chefs erfinderisch, schreibt die Westfalenpost aus Hagen. Als Beispiel nennt sie das Unternehmen Gutzeit Verbindungssysteme aus Fröndenberg. Hier sei der Mangel bisher kein Thema, heißt es in dem Artikel, denn die Firma gebe jungen Menschen ohne Abschluss und mit schwierigen Lebensläufen eine Chance – und profitiere davon. Die „Westfalenpost“ stellt das Unternehmen vor und beleuchtet, welche Erfahrungen es mit den Jugendlichen macht.

Wie Focus Online auf seinen Lokalseiten berichtet, ging im Oberbergischen Kreis der regionale Dialogprozess Arbeit 4.0 im Oktober an den Start. Aktive aus Unternehmen, Wirtschaftskammern, Hochschulen, Verbänden und Institutionen hätten Ideen zu Lösungsansätzen konkretisiert und die weitere Zusammenarbeit im „Ideenlabor Arbeit 4.0“ verabredet. Diskutiert wurde laut „Focus Online“ die zentrale Frage, wie Digitalisierung die Arbeit im ländlichen Raum verändert. Schwerpunkte seien „Flexibles Arbeiten“, „Attraktivität des Oberbergischen Kreises für Fachkräfte“ und „Stärkung der Ausbildung“ gewesen.


Netzwerk-Nachrichten

Brandenburg hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten viele Einwohner verloren – und damit auch Fachkräfte. Inzwischen wollen viele in ihre Heimat zurückkehren. Um sie werben, wie im Oktober die Berliner Morgenpost berichtete, zahlreiche Rückkehrinitiativen. Das Land werbe deshalb verstärkt um sie. Insgesamt 200.000 Euro Fördergeld stünden dafür zur Verfügung, ein Viertel fließe in die Initiative „Ankommen in Brandenburg“. Darin haben sich laut dem Bericht sieben Rückkehr-Initiativen zusammengeschlossen, die sich gemeinsam um diejenigen kümmern, die vor Jahren Brandenburg verlassen haben und nun zurückkehren wollen. Der Artikel nennt unter anderem den Verein „Comeback Elbe-Elster“ – eine der vielen Fachkräfte-Initiativen, die vom Innovationsbüro Fachkräfte für die Region unterstützt werden.

Schlaglicht Arbeiten 4.0

Matthias Krinke sorgt dafür, dass immer mehr menschliche Roboter in Unternehmen eingesetzt werden. Sein Berliner Unternehmen pi4_robotics stellt die neuen Kollegen in einem Technologiepark am Humboldthain selbst her. Zudem gründete Krinke eine Zeitarbeitsfirma für Roboter. Der Berliner Tagesspiegel porträtiert einen Unternehmer, der die Zukunft der Arbeit zur Gegenwart macht.

Wenn Roboter allerdings zu Kollegen werden, bereitet das Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bisweilen Sorgen. Wer glaubt, sich und seinen Arbeitsplatz gegen Roboter verteidigen zu müssen, ist deshalb bei Julia Kirby richtig. In einem Interview mit der Welt erläutert die US-Autorin, wie Arbeitnehmer auf die Automatisierung von Jobs reagieren sollten. „Panik vor der Zukunft sei unbegründet – auch wenn sich Veränderungen nicht vermeiden ließen“, heißt es in der „Welt“. „Wenn eine Maschine den Kern Ihres Jobs bedroht“, sagt die Autorin in dem Interview, „gibt es mehrere mögliche Verhaltensstrategien. Etwa step up: Sie bilden sich weiter, streben weiter nach oben, um eine Koordinationsaufgabe übernehmen zu können. Oder stepping aside: Man überlegt, auf welche Jobbereiche man ausweichen kann, wo die Maschine nicht hinterherkommt, also die nicht codierbar sind. Oder es gibt step in: Man arbeitet direkt mit den intelligenten Maschinen.“