| Presse

Medienbeobachtung Fachkräftesicherung Juli 2017

Oft ist es interessant, den Blick über den Tellerrand zu heben. Beim Thema Fachkräftemangel zum Beispiel. Ein sehr deutsches Thema, könnte man meinen. Weit gefehlt. Im Juli berichten gleich zwei überregionale Zeitungen darüber, welche Probleme der Fachkräftemangel anderen Volkswirtschaften in Europa bereitet. Und auch dieses Phänomen hatten viele bisher nicht auf dem Schirm: Inzwischen sind sogar Start-ups in Deutschland von Fachkräfteengpässen betroffen, wie „Capital“ im Juli verdeutlicht.

Weder der Fachkräftemangel noch die Berichterstattung darüber legen eine Sommerpause ein, im Gegenteil. Die Medien greifen zahlreiche Facetten des großen Themas auf, von Problemen von Kleinstfirmen bei der Fachkräfteakquise bis hin zu Beispielen dafür, wie die Fachkräftegewinnung gelingen kann – etwa bei einem Pilotprojekt zur Ausbildung von Geflüchteten.

In Deutschland steht die heiße Phase des Bundestagswahlkampfs bevor. Und siehe da: das Thema „Arbeiten 4.0“ hält Einzug in die Debatte. Die Medien greifen die SPD-Idee eines Chancenkontos zur Weiterbildung in Zeiten der Digitalisierung auf, aber auch die CDU-Idee eines „Fachkräfte-Zuwanderungsgesetzes“. Auch über das Weißbuch „Arbeiten 4.0“ des Bundesarbeitsministeriums wird weiterhin berichtet.

Und wer weiß: Vielleicht hält das deutsche Wort „Fachkräftemangel“ eines Tages Einzug in die Weltsprachen – so wie „Kindergarten“ oder „Realpolitik“…

Überregionales

Fangen wir jenseits von Deutschland an. „Auch der Schweiz gehen die Fachkräfte aus“, titelte die Welt am 25. Juli. Zwar würden die Bevölkerungszahlen weiter steigen, wodurch die Schweiz die Überalterung ihrer Bevölkerung verlangsamen könne. „Weniger positiv ist dagegen, dass ein erheblicher Teil der Einwanderer Asyl beantragt und es sich dabei oft um schlecht ausgebildete Personen handelt, was die soziale und berufliche Integration erschwert“, berichtet die Zeitung. Die Einwanderung aus EU- und EFTA-Ländern sei hingegen rückläufig. Die Unternehmen fürchten Personalmangel, vor allem in den Regionen, die nicht direkt an der Grenze etwa zu Deutschland liegen, wo viele als „Grenzgänger“ nur zum Arbeiten in die Schweiz kommen.

Auch in Osteuropa werden die Arbeitskräfte knapp, meldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung einige Tage zuvor. In Tschechien beispielsweise herrsche schon heute Vollbeschäftigung. „Für die Menschen ist das gut - für die Wirtschaft weniger“, schreibt die FAZ. Der dortige Fachkräftemangel gefährde auch die deutschen Unternehmen, heißt es in dem Bericht.

In Deutschland klagen immer mehr Unternehmen über Schwierigkeiten bei der Fachkräftegewinnung. Laut Capital erreicht er nun auch Start-ups. „Etwas mehr als die Hälfte der deutschen Start-ups haben Probleme, offene Stellen zu besetzen. Besonders schwierig gestaltet sich die Suche nach IT-Experten“, schreibt das Wirtschaftsmagazin in seiner jüngsten Ausgabe und beruft sich dabei auf eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom unter 250 Gründern.

Wo Mangel herrscht, suchen die Betroffenen nach Möglichkeiten, ihn zu beheben. Eine ebenso naheliegende wie trotzdem bisweilen übersehene bringt das Wirtschaftsmagazin Markt und Mittelstand seinen Leserinnen und Lesern näher: „Wie Sie ältere Mitarbeiter sinnvoll einsetzen“, ist der praxisorientierte Artikel überschrieben. Viele Unternehmen würden zu Unrecht auf solche Beschäftigten verzichten, denn weder die Produktivität noch die Innovationskraft hingen vom Alter ab, schreibt das Magazin.

Mancherorts könnte der Mangel an Fachkräften natürlich daran liegen, dass dort einfach nicht genügend in Frage kommende Personen wohnen – und wohnen wollen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung verweist in einem Bericht auf eine neue Umfrage unter Arbeitnehmern. Die Deutschen seien Umzugsmuffel, schreibt das Blatt. Nur rund jeder Vierte könne sich vorstellen, aus Karrieregründen umzuziehen.

Regionale Meldungen

In Ostdeutschland hat sich das Beschäftigungswachstum 2016 fortgesetzt. „Allerdings spitzen sich die Schwierigkeiten der Betriebe bei der Besetzung ihrer Arbeits- und Ausbildungsstellen weiter zu“, heißt es im „Betriebspanel Ostdeutschland“ des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Dies greift die Märkische Allgemeine aus Potsdam in einem Bericht auf. Jede zweite Kleinstfirma suche vergeblich Fachkräfte, offene Stellen in Brandenburg könnten kaum besetzt werden. Die größten Engpässe gebe es laut dem aktuellen Betriebspanel im Baugewerbe und bei unternehmensnahen Dienstleistungen.

„Wie aus Flüchtlingen Fachkräfte werden können“, das stellte der Norddeutsche Rundfunk im Juli in seiner Hörfunkreihe „NDR Info Perspektiven“ vor.  Die Wirtschaft in Deutschland boome, die Auftragsbücher der meisten Handwerker seien voll. Viele Betriebe würden deshalb händeringend Fachkräfte suchen. „Gleichzeitig suchen immer mehr Flüchtlinge Arbeit. Da liegt es nahe, Flüchtlinge auszubilden“, heißt es im dem Bericht, der ein Pilotprojekt aus Lübeck vorstellt, das als Vorbild für andere Regionen dienen könne.

Mithilfe der neuen Internetseite www.welcome-region-rostock.de können sich Neubürgerinnen, Neubürger und Interessierte in der Region nun auch online über die Themen Arbeit, Wohnen und Leben, Familie und Freizeit informieren. Darüber berichtete im Juli Focus Online Local. Es handelt sich um das neueste Angebot des örtlichen Servicepoints für Fachkräfte. „Mehr als 100 zuziehende Fachkräfte und deren Familien konnten bereits beim Ankommen unterstützt werden“, berichtet das Onlinemagazin.

Schlaglicht Arbeiten 4.0

Das Bundesarbeitsministerium (BMAS), das Innovationsbüro Fachkräfte für die Region, die IHKs und viele andere Organisationen machen mit Nachdruck darauf aufmerksam, welche Folgen die zunehmende Digitalisierung für die Arbeitswelt hat. Das BMAS legte dazu unter anderem Ende letzten Jahres das Weißbuch „Arbeiten 4.0“ vor. Nun ist das Thema auch im Bundestagswahlkampf angekommen. Zum Glück, möchte man hinzufügen, denn damit erhält es womöglich die breite Aufmerksamkeit, die es dringend verdient. Mehrere Zeitungen – hier exemplarisch die Rheinische Post – berichteten über das „Chancenkonto“ für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, das SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz im Juli vorstellte. Die Idee stammt aus dem Weißbuch „Arbeiten 4.0“, dort wird sie als „Persönliches Erwerbstätigenkonto“ für alle Bürgerinnen und Bürger vorgestellt, die ins Berufsleben eintreten. Es soll sie während des gesamten Berufslebens begleiten – Startguthaben inklusive.

Die CDU hingegen hat sich das große Thema Fachkräftesicherung auf ihre Wahlkampffahnen geschrieben: Sie wirbt für ein „Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz“, berichtet beispielsweise Spiegel Online.

Das Weißbuch „Arbeiten 4.0“ zieht Kreise. So berichtete das österreichische Magazin Computerwelt in seiner Online-Ausgabe über eine Konferenz des „Demographie Netzwerkes“ in München. Dort gab unter anderem der Arbeitspsychologe Max Neufeind, Referent im BMAS, einen Einblick in die Zukunft der Arbeit. Überschrift des Artikels: „Arbeit 4.0 ist gestaltbar, aber nur wenn der Mensch die Chancen erkennt und annimmt.“

Dies wäre eine schöne Überleitung für alle diejenigen, die sich nochmals in das Programm des 5. Innovationstages unseres Innovationsbüros im Juni in Berlin vertiefen möchten. Dort stand ein wesentlicher Aspekt der „Arbeit 4.0“ im Mittelpunkt: Qualifizierung. Vor wenigen Tagen haben wir die Veranstaltungsdokumentation online gestellt.