Medienbeobachtung Dezember 2019

Bald kann es losgehen. Im März tritt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft, das die Gewinnung von Fachkräften aus dem Ausland erleichtern und beschleunigen soll. Beim Fachkräftegipfel am 16. Dezember im Bundeskanzleramt unterstrichen alle Beteiligten die Notwendigkeit des Gesetzes und bekannten sich dazu, ihm zum Erfolg zu verhelfen. Zahlreiche Medien berichteten. Wir haben einige Beiträge und Kommentare ausgewählt.

Schon jetzt nimmt die Fachkräfteakquise immer mehr Form und Struktur an. So war im Dezember über die Gründung der Deutschen Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe in Saarbrücken zu lesen sowie über die Ansiedlung der Zentralstelle Fachkräfteeinwanderung NRW in Bonn.

Manche Medienberichte lenken den Blick aber auch aufs Inland. Dort gebe es ebenfalls noch erhebliches Fachkräftepotenzial, etwa unter Frauen, Älteren, Arbeitslosen und Geflüchteten.

Der „Schwarzwälder Bote“ griff erfreulicherweise das Engagement eines auch vom Innovationsbüro unterstützten Fachkräftenetzwerkes auf: der Fachkräfteallianz Nordschwarzwald.

Und diesmal in unserem „Schlaglicht Arbeiten 4.0“: Eine Studie aus der Schweiz zeigt, dass es vielen Betrieben an einer Strategie zur Gestaltung der zukünftigen Arbeitswelt mangelt und Beschäftigte zu wenig in die digitale Transformation einbezogen werden.

Überregionales

„Der Fachkräftemangel ist die größte Herausforderung für die Wirtschaft. Wenn wir unsere volkswirtschaftliche Leistung erhalten wollen, müssen wir ihn auch durch Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland bewältigen.“ Dies sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer Ende Dezember der Deutschen Presse-Agentur. Zahlreiche Medien berichteten, darunter das Handelsblatt. Es sei gut, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eine Strategie zur Fachkräfteeinwanderung entwickelt hätten, zitiert die Zeitung den Arbeitgeberpräsidenten. „Aber die Bevölkerung muss auch mitgehen. Wenn man auch künftig im Krankenhaus versorgt werden will, dann brauchen wir Zuwanderung, von Ärzten bis zum Pflegepersonal. Wenn künftig das Haus renoviert werden muss, werden das nicht nur gebürtige deutsche Handwerker machen.“

Deutschland werde in den kommenden Jahren zunehmend auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen sein, berichtete die Süddeutsche Zeitung (SZ) unter Berufung auf die Bundesregierung. Anlass war der Fachkräftegipfel im Kanzleramt am 16. Dezember. Diese Fachkräfte sollen zu einem großen Teil aus Ländern außerhalb der Europäischen Union kommen. „Wie das klappen soll, wollen Kanzlerin Angela Merkel (CDU), mehrere Bundesminister, Vertreter von Ländern, Wirtschaft und Gewerkschaften bei einem Spitzentreffen in Berlin beraten“, heißt es in dem Bericht. Man wolle gemeinsam Strategien entwickeln, heißt es in dem Bericht. Die größten Engpässe würden derzeit bei Berufen aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik bestehen. „Daneben sind der Bau, der Hotel- und Gaststättenbereich sowie Gesundheitsberufe betroffen. Konkret gehe es etwa um Elektrotechniker, Metallbauer, Mechatroniker, Köche, Alten- und Krankenpfleger, Informatiker sowie Softwareentwickler“, schreibt die SZ.

Neben weiteren Medien berichtete auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) über den Fachkräftegipfel. Im Vorfeld befasste sich die FAZ mit Pilotprojekten zur Fachkräftegewinnung in Nicht-EU-Staaten. Das Wirtschaftsministerium werde 2020 drei solcher Pilotprojekte fördern, die sich auf Berufe konzentrieren würden, in denen ein ausgewiesener Fachkräftemangel bestehe, etwa Gesundheitsdienstleister, Logistiker, Baugewerbe sowie IT. „Die Projekte sollen laut Ministerium in ausgewählten Partnerländern stattfinden, in denen ausreichend Fachkräfte zur Verfügung stehen und die an einer Zusammenarbeit interessiert sind“, schreibt die FAZ. So gehe es in einem Projekt des DIHKs um Fachkräfte aus Indien, Vietnam und Brasilien.

Die Bundeskanzlerin warb vor dem Spitzentreffen im Kanzleramt für die gezielte Gewinnung von Fachkräften auch außerhalb der EU. Es sei notwendig, „dass wir uns um ausreichend Fachkräfte bemühen", zitierte die Welt Angela Merkel. „Denn sonst müssen Unternehmen abwandern – und das wollen wir natürlich nicht.“ Dabei seien in verschiedenen Berufszweigen „unterschiedliche Herangehensweisen“ nötig, habe die Kanzlerin gesagt und zum Beispiel auf die Bemühungen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hingewiesen, im Kampf gegen den Personalmangel in der Pflege die Anwerbung ausländischer Fachkräfte zu beschleunigen.

„Fast 1,5 Millionen Fachkräfte suchen Arbeit“, titelte die Welt Mitte Dezember mit Bezug auf die aktuelle Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) Zwar stelle die BA etwa im Ingenieurbereich keinen Fachkräftemangel fest, aber in einigen anderen sogenannten MINT-Berufen: „Am stärksten im Bereich Klempnerei, Sanitär- und Heizungstechnik, hier gab es zuletzt nur eine Arbeitslosenquote von 1,7 Prozent und eine Vakanzzeit von 196 Tagen – das ist der Zeitraum vom gewünschten Besetzungstermin bis zur Abmeldung eines Stellenangebots“, heißt es in dem Bericht. Als ihre drei Hauptkriterien für einen Fachkräftemangel nenne die Bundesagentur, dass in der Branche auf 100 offene Stellen weniger als 200 Arbeitslose kommen, die ausgeschriebenen Stellen deutlich überdurchschnittlich lange vakant sind und die Arbeitslosenquote in der jeweiligen Berufsgruppe nicht über drei Prozent liegt.

„Deutschland braucht Fachkräfte aus dem Ausland – gut, dass die Regierung endlich etwas tut“, kommentiert die ZEIT den Fachkräftegipfel vom 16. Dezember. Allerdings dürfe die Fachkräfteoffensive nicht dazu führen, dass die Arbeitnehmer im eigenen Land vernachlässigt werden. „Sie muss einhergehen mit einer Ausbildungsoffensive und in einzelnen Branchen auch mit einer Lohnoffensive“, kommentiert ZEIT-Redakteur Mark Schieritz. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass die Firmen im Ausland Arbeitskräfte anwerben, weil sie in der Heimat ihre Leute nicht anständig bezahlen. Außerdem sei zentral, die Fachkräftezuwanderung von der Flüchtlingszuwanderung strikt zu trennen. „Die Aufnahme von Fachkräften dient der Absicherung nationaler Interessen. (…) Die Aufnahme von Flüchtlingen hingegen ist ein humanitärer Akt, bei dem die ökonomische Leistungsfähigkeit der Geflüchteten keine Rolle spielen sollte“, findet der Autor. Aus Flüchtlingen könnten zwar – entsprechende Bildungsangebote und Aufenthaltsregeln vorausgesetzt – Facharbeiterinnen und Facharbeiter werden, die ihren Beitrag zur Wertschöpfung in Deutschland leisten. Aber die Motivation sei eine andere – und es sei wichtig, die beiden Migrationswege auseinanderzuhalten, schon um den Populisten keine unnötigen Angriffsflächen zu bieten.

Auch der Deutschlandfunk kommentierte den Fachkräftegipfel. Dass am 1. März das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft trete, sei ein wichtiger Schritt. Jetzt komme es aber nicht nur darauf an, den Visumsprozess zu beschleunigen. Auch die Unternehmen seien gefragt. Deren Blick dürfe aber nicht nur ins Ausland gehen. „Wer Fachkräfte will“, kommentiert die Welt, „darf vor allem die wichtige Ausbildung nicht vernachlässigen.“ Zudem sei die Gesellschaft als Ganzes gefragt. „Was nützt das beste Gesetz, wenn die entsprechende Willkommenskultur fehlt?“

Wie die ZEIT im Dezember berichtete, fordert der Gewerkschaftsbund mit Blick auf die geplante verstärkte Anwerbung ausländischer Fachkräfte auch eine bessere Förderung inländischer Fachkräfte. „Die Bundesregierung muss das Eine tun, ohne das Andere zu lassen. Denn hierzulande gibt es bereits ein Fachkräftepotenzial, das über Qualifizierung und Weiterbildung endlich gehoben werden muss“, zitiert die Wochenzeitung DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Dazu gehöre nicht nur eine bessere Beteiligung von Frauen, Älteren und aktuell arbeitslosen Menschen am Erwerbsleben, sondern auch Ausbildung und Integration von Geflüchteten, die bereits in Deutschland seien.

Immer mehr Fachkräfte aus dem Ausland versuchen einem Bericht der Stuttgarter Zeitung zufolge, ihren Berufsabschluss in Deutschland anerkennen zu lassen, um in der Bundesrepublik zu arbeiten. Das gehe aus dem aktuellen Bericht zum Anerkennungsgesetz hervor, der Mitte Dezember im Bundeskabinett beraten wurde. „Im Jahr 2018 wurden demnach rund 29.000 Anträge gestellt, vor allem durch Krankenpfleger und Ärzte“, heißt es in dem Beitrag. Das sei ein Anstieg um 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei mehr als der Hälfte der Anträge sei eine volle Gleichwertigkeit zum deutschen Abschluss beschieden worden. In nur 2,3 Prozent der Fälle hätte gar keine Gleichwertigkeit festgestellt werden können.

Mithilfe einer eigens gegründeten Fachagentur will Gesundheitsminister Jens Spahn ausländische Pflegekräfte deutlich schneller als bisher in deutsche Krankenhäuser und Pflegeheime bringen. Das berichtete Anfang Dezember der Berliner Tagesspiegel.  Ihren Sitz habe die Deutsche Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe (DeFa) in Saarbrücken. 4.200 Verfahren seien bereits in Arbeit, die Angeworbenen könnten im zweiten Quartal 2020 einreisen. Der Minister habe versichert, dass man nur Fachpersonal aus Ländern anwerbe, deren Bevölkerung sehr jung ist und die deutlich über ihren eigenen Bedarf hinaus ausbilden.

Pflege ist die eine Fachkräfte-Großbaustelle, IT die andere. „Die Zahl offener Jobs für IT-Fachkräfte hat in Deutschland eine neue Rekordmarke erreicht“, teilte im Dezember die Computerwoche mit. Zurzeit seien 124.000 Jobs nicht besetzt – Tendenz steigend. Innerhalb von nur zwei Jahren habe sich die Zahl der unbesetzten IT-Stellen hierzulande mehr als verdoppelt, heißt es unter Berufung auf eine Studie des Digitalverbandes Bitkom. Der Mangel an IT-Experten betreffe längst nicht mehr nur die IT-Branche, sondern die gesamte Wirtschaft und auch Verwaltung, Behörden und Wissenschaft, zitiert die Computerwoche den Bitkom-Präsidenten Achim Berg. Das bedrohe die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Wirtschaft. IT-Jobs seien für die Unternehmen deutlich schwerer zu besetzen als andere Stellen.

Regionale Meldungen

Wenn eine Firma 100 neue Busfahrer benötigt, steht sie in Zeiten des Fachkräftemangels vor einer enormen Herausforderung. In ihrem Regionalteil für Ebersberg berichtete die Süddeutsche Zeitung (SZ) im Dezember über genau diesen Fall. Über die Arbeitsagentur sei keine Vermittlung zustande gekommen, zitiert die SZ Unternehmer Josef Ettenhuber. Die Lösung: „Wir haben uns Fachkräfte aus dem Ausland geholt, vor allem Rumänien, Serbien und Kroatien.“ Ohne die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland würde der Linienverkehr zum Erliegen kommen. Der Aufwand sei allerdings erheblich gewesen – auch davon erzählt der Bericht.

Auch „Bremer Firmen suchen Fachkräfte in Osteuropa“, war im Dezember im Weser-Kurier zu lesen. Die Tageszeitung aus Bremen stellt zwei IT-Firmen vor, die ihren Fachkräftenachwuchs auch im Ausland rekrutieren. Durch Zufall seien sie auf Georgien gekommen – und dort fündig geworden. Deutsch sei dort als Fremdsprache sehr beliebt, zudem würden viele Studiengänge hierzulande anerkannt – eine wichtige Voraussetzung für eine EU-Arbeitserlaubnis.

„Die Stadt Bonn entwickelt sich zunehmend zu einem Drehkreuz für Fachkräfte, die nach Deutschland einwandern möchten“, berichtete der General-Anzeiger Anfang Dezember. So habe die Landesregierung beschlossen, die „Zentralstelle Fachkräfteeinwanderung NRW“ in Bonn anzusiedeln. Hintergrund sei das neue Fachkräfteeinwanderungsverfahren, Ziel die Beschleunigung und Vereinfachung der Fachkräftegewinnung. „Wir vernetzen die ausländerrechtlichen und arbeitsrechtlichen Aufgaben und stellen eine enge Kooperation der Aufgabenträger an einem Standort sicher“, zitiert die Bonner Tageszeitung den nordrhein-westfälischen Integrationsminister Joachim Stamp. „Gebündeltes Fachwissen, kurze Wege und intensive Kooperation garantieren ein schnelles und serviceorientiertes Verfahren.“

Netzwerk-Nachrichten

Die Fachkräfteallianz Nordschwarzwald ist eines der vielen Fachkräftenetzwerke in Deutschland, die in der Netzwerkdatenbank des Innovationsbüros verzeichnet sind und von diesem unterstützt werden. Der Schwarzwälder Bote berichtete nun im Dezember von einer neuen Initiative der Fachkräfteallianz – und zwar einem regionalen Wegweiser. Das erklärte Ziel des Wegweisers sei die spezifische und strategische Betrachtung der Handlungsweisen zur Stärkung der Akzeptanz der dualen Ausbildung in der Region. „Die vorab besprochenen Ansätze“, so der Bericht, „sollten demnach festgehalten und für alle Unternehmen der Region als Sammlung von Angeboten und Handlungshilfe dienen.“ Auch die Erstellung einer interaktiven Landkarte mit sämtlichen existierenden Angeboten am Übergang von der Schule in den Beruf in der Region werde vorangetrieben.

Schlaglicht Arbeiten 4.0

„Die Mitarbeiter bleiben auf dem Weg in die Zukunft der Arbeit 4.0 häufig auf der Strecke“, heißt es in einem Beitrag des Webportals IT-Business über eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz zum Thema Arbeit 4.0. Zwar würden fast neun von zehn befragten Unternehmen an der digitalen Transformation arbeiten. Doch nur die Hälfte würde die Beschäftigten in den Prozess einbeziehen. Außerdem verfüge ein Großteil der Firmen nicht über eine Strategie zur Gestaltung der zukünftigen Arbeitswelt – bei drei von vier Unternehmen fehle es an einem klaren Plan oder er sei den Mitarbeitern nicht bekannt. „Ob eine Umstrukturierung gelingt, steht und fällt mit den Mitarbeitern – ihre Integration in die Strategieentwicklung spielt eine große Rolle für den Erfolg. Außerdem gilt es, die Potenziale der Digitalisierung rechtzeitig zu erkennen und anhand einer Neuausrichtung die Arbeitsprozesse dem Wandel anzupassen, um die Marktposition zu halten“, zitiert das Webportal eine Expertin.