Medienbeobachtung Fachkräftesicherung August 2017

Die steigenden Schwierigkeiten der Betriebe in immer mehr Branchen und Regionen, ausreichend passende Fachkräfte zu finden, ist ein regelmäßiges Medienthema. Dennoch überschritt die Berichterstattung Ende August eine neue Schwelle: Wohl zum ersten Mal warnten alle wichtigen überregionalen Medien – von „Tagesschau“ und „heute“ über „Deutschlandfunk“ bis zu den großen Tageszeitungen – sowie zahlreiche Regionalmedien quasi gleichzeitig davor, dass 2040 in Deutschland 3,3 Millionen Fachkräfte fehlen könnten.

Damit griffen sie eine aktuelle Studie des Baseler Forschungsinstituts Prognos auf. Selten tauchte der Fachkräftemangel als drängende Herausforderung so geballt und prominent in den Medien auf. Zu lesen war im August zum Glück auch von Maßnahmen zur Fachkräftesicherung. So nimmt Deutschland nach jüngsten Zahlen immer mehr Fachkräfte aus dem Ausland auf, außerdem bilden sich viele Deutsche weiter und sichern damit ihre Zukunft als Fachkraft.
Auch unserem Schlaglicht Arbeiten 4.0 widmeten sich im August wieder mehrere Medien. Was macht eigentlich den viel beschworenen Wandel der Arbeit aus? Wie werden wir in Zukunft arbeiten? Diese und weitere Fragen standen im Mittelpunkt der Berichterstattung.

Überregionales

Es war in zahlreichen Medien zu sehen, zu hören und zu lesen: "2040 könnten in Deutschland 3,3 Millionen Fachkräfte fehlen", titelte der Spiegel - hier stellvertretend für viele herausgegriffen - am 30. August. Unter Berufung auf Berechnungen des Forschungsinstituts Prognose berichtet das Nachrichtenmagazin, Demografie und Digitalisierung könnten Fachkräfte in Deutschland schon bald zum knappen Gut machen. Obwohl die Forscher mit einem stetigen Zuzug von Fachkräften nach Deutschland rechnen würden, sinke die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in Zukunft weiter stark. Laut "Spiegel" enthält die Studie auch Vorschläge, um dem Mangel zu begegnen, unter anderem eine gezielte Förderung der beruflichen Ausbildung und eine effektivere Weiterbildung.

Apropos Ausbildung: Deren Förderung wäre in der Tat äußerst wichtig. Wie Zeit Online mit Bezug auf einen Bericht des Statistischen Bundesamts berichtet, hat die Zahl der Ausbildungsverträge einen neuen Tiefstand erreicht. "So wenig Jugendliche wie noch nie seit der Wiedervereinigung haben 2016 eine Ausbildung begonnen", heißt es in der Wochenzeitung. Die Ausbildungszahlen seien das fünfte Jahr in Folge gesunken.

Und apropos Weiterbildung: Laut Frankfurter Allgemeine Zeitung hätten im vergangenen Jahr 50 Prozent der 18- bis 64-Jährigen an mindestens einer Weiterbildungsmaßnahme teilgenommen. "Die Weiterbildungsquote verharrt damit auf hohem Niveau: Schon in den Jahren 2012 und 2014 waren in Deutschland ähnliche Werte ermittelt worden", schreibt das Blatt unter Berufung auf Angaben des Bundesbildungsministeriums. Zu Beginn des Jahrhunderts seien es lediglich knapp 40 Prozent gewesen.

Weiterbildung allein wird das Fachkräfteproblem aber nicht lösen. Auch auf qualifizierte Einwanderung setzen die Unternehmen. Wie die Wirtschafswoche berichtet, nimmt Deutschland immer mehr hoch qualifizierte Fachkräfte aus Ländern außerhalb der EU auf. Die größte Gruppe würden dabei die Inder bilden. Das Interesse an dem Aufenthaltstitel "Blaue Karte" nehme kontinuierlich weiter zu.

Netzwerk-Nachrichten

Bis zu zehntausend Menschen würden in der Region Braunschweig-Wolfsburg ein ungenutztes Potenzial auf dem Arbeitsmarkt darstellen, war im August im Nachrichtenportal regionalBraunschweig.de zu lesen. "Sie gehören zur so genannten stillen Reserve, weil sie sich aus unterschiedlichen Gründen nicht aktiv um einen Arbeitsplatz bewerben oder trotz grundsätzlichem Arbeitswunsch nicht arbeitsuchend gemeldet sind", heißt es weiter. Dieses Potenzial wolle das Fachkräftebündnis SüdOstNiedersachsen, das auch in der Online-Netzwerkdatenbank des Innovationsbüros gelistet ist, nun nach und nach mit dem Projekt "Stille Reserve" für den Arbeitsmarkt aktivieren.

Schlaglicht Arbeiten 4.0

"Wo geht's hier bitte zum Arbeitsplatz der Zukunft?", fragte die Wirtschaftswoche Mitte August. Das Wirtschaftsmagazin veröffentlicht erste Ergebnisse einer Studie, die am 20. September auf der Messe "Zukunft Personal" in Köln der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Besonders interessant: Der Arbeitsplatz der Zukunft werde laut der Studie als eine der wichtigsten Herausforderungen der befragten Unternehmen wahrgenommen und komme gleich hinter der IT-Sicherheit und vor den Aufgaben Personal, Produktion und Vertrieb. "Der Abstand zu Hype-Themen wie Internet of Things und Industrie 4.0 ist überraschend groß", schreibt die "Wirtschaftswoche".

Doch wie werden wir in Zukunft arbeiten? Diese Frage stellen sich immer mehr Menschen. Werfen wir dazu einen Blick in die Schweiz: Der Tages-Anzeiger aus Zürich gibt in seinem Blog "Beruf + Berufung" Einblicke in die Arbeitswelt. Im August veröffentlichte sie dort ein Interview mit Bastiaan van Rooden, Gründer der Berner Produktdesign-Firma Nothing. Der macht deutlich, dass es unmöglich sei, Experte für die neue Arbeitswelt zu sein. "Man kann diese Entwicklung weder planen noch steuern, sondern nur mitgestalten nach dem Prinzip Versuch-und-Irrtum", sagt der Unternehmer. Lange Zeit hätten sich Unternehmen damit begnügt, alle paar Jahre eine Reorganisation durchzuführen. "Heute aber sind die fortschrittlichen Unternehmen in einer permanenten Reorganisation, die von der Basis angetrieben wird." Im Kern gehe es künftig verstärkt nicht um Arbeit und konkretes Fachwissen, sondern um Neugier, Lernen, Entwickeln, Verändern. Und damit auch um den Umgang mit Fehlern.

Auch der Weser-Kurier widmet dem Wandel der Arbeitswelt ein Experteninterview. Die Bremer Zeitung sprach im August mit der Soziologin Kerstin Jürgens, die Mitglied im Beraterkreis "Arbeiten 4.0" des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales war und gemeinsam eine Expertenkommission der Hans-Böckler-Stiftung leitet. Auf die Frage, welche Jobs durch die Digitalisierung gefährdet seien, antwortet sie: "In Deutschland sind die meisten Berufe, auch als Folge der dualen Ausbildung, ganzheitlich angelegt. Das ist ein großer Vorteil, weil nicht ganze Arbeitsplätze wegfallen, sondern oft nur einzelne Aufgaben, die im Idealfall durch neue ersetzt werden." Gleichwohl seien von Rationalisierungen im Zuge der Digitalisierung, etwa in der Logistik- oder Bankenbranche, auch qualifizierte Tätigkeiten betroffen. "Daher gilt die Devise", so Jürgens: "Alle müssen sich weiterqualifizieren und viele werden sich in neue Felder umorientieren müssen."

"Die dunkle Seite der digitalen Glitzerszene" beleuchtet die Badische Zeitung. Sie widmet sich in einem Bericht dem aktuellen Buch des Autors Steven Hill, der die prekäre Arbeitswelt der Internet-Wirtschaft beleuchtet. Um "Wirtschaft 4.0" und "Arbeiten 4.0" sei ein regelrechter Hype ausgebrochen, heißt es in der Tageszeitung. Dahinter breite sich allerdings eine in hohem Maße prekär geprägte Berufswelt aus. "Der Autor lenkt den Blick auf Millionen gut ausgebildete, aber schlecht bezahlte 'digitale Tagelöhner', die gegen viele Mitbewerber um Jobs kämpfen müssen", schreibt das Blatt.

Gut bezahlt werden vermutlich IT-Experten in der Automobilwirtschaft. Die werden dort nämlich dringend gesucht, schreibt die Welt. Bei Volkswagen beispielsweise sei der Anteil der ausgeschriebenen Stellen für IT-Fachkräfte 2017 auf 39 Prozent hochgeschnellt, berichtet die Tageszeitung unter Berufung auf eine Analyse der Jobplattform Stepstone.de. "Ein veränderter Personalbedarf ist oft der erste Indikator für strategischen Wandel im Unternehmen", zitiert die "Welt" den Stepstone-Geschäftsführer. Die entscheidenden Stichworte lauten: Elektromobilität und autonomes Fahren.