Medienbeobachtung August 2020

„Eine verlorene Generation?“, fragt die FAZ im August mit Blick auf junge Menschen, die – bis März noch von der Wirtschaft umworben – Schwierigkeiten haben, einen Ausbildungsplatz zu finden. In der Tat kommt die anhaltende Coronakrise vielen in die Quere – Unternehmen, die ausbilden wollen, aber verunsichert sich, wie sich die wirtschaftliche Situation entwickelt, ebenso wie Jugendlichen, die nicht wissen, ob und wo sie sich bewerben sollen. Tatsache ist: Das neue Ausbildungsjahr hinkt aufgrund der Corona-Einschränkungen etwa acht bis zehn Wochen hinter der sonst üblichen Entwicklung hinterher. Jetzt gerade ziehen die Zahlen der erfolgreich abgeschlosenen Ausbildungsverträge jedoch an. Die Medien sprechen von einem Aufholprozess, der eingesetzt habe.

Je nach Branche bleibt der Wirtschaft der Fachkräftemangel trotz der Coronakrise erhalten. Laut Medienberichten fehlen nach wie vor sehr viele Fachkräfte im Handwerk, auf dem Bau und im Gesundheitssystem. Zusätzliches Problem: Wegen der Corona-Pandemie können viel weniger ausländische Fachkräfte angeworben werden, als es sich Staat und Wirtschaft wünschen. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz vom März wartet noch auf seine Bewährungsprobe.

Regional tut sich, wie immer, eine ganze Menge. Im August lesen wir etwa von einer unkonventionellen Fachkräftekampagne in Mecklenburg-Vorpommern. An den Stränden wurden dort Urlauberinnen und Urlauber angesprochen und darauf aufmerksam gemacht, wie attraktiv ein Job- und Wohnortwechsel für sie sein könnte. In einem Ort in Westfalen wiederum entsteht ein innovatives Wohnprojekt für Fachkräfte und damit ein Pfund, mit dem die örtlichen Firmen im Wettbewerb um Talente gegenüber Großstädten mit knappem, sehr teurem Wohnraum wuchern können.

In unserem „Schlaglicht Arbeiten 4.0“ diesmal: wie die Coronakrise für einen Digitalisierungsschub sorgt und was das zum Beispiel für die Ausbildung und für die Personalgewinnung bedeutet.


Überregionales

„Eben noch stand ihnen buchstäblich die Welt offen: Der scheinbar endlose Wirtschaftsaufschwung und der zunehmende Fachkräftemangel sorgten dafür, dass die Unternehmen sich geradezu um sie rissen“, heißt es in einem Kommentar der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) über Auszubildende. Infolge der anhaltenden Coronakrise jedoch „könnte ein ganzer Jahrgang von Schulabgängern auf der Strecke bleiben und zur ‚Generation Corona‘ werden – mit Folgen für die gesamte Wirtschaft, der künftig die dringend benötigten Fachkräfte fehlen würden“, schreibt die Autorin. Allerdings gebe es Anzeichen, dass es zumindest aus Sicht der Bewerber auf dem Ausbildungsmarkt nicht so dramatisch komme wie befürchtet. In den vergangenen Wochen habe ein Aufholprozess eingesetzt, der hoffen lasse. Dennoch bleibe die große Herausforderung, den künftigen Fachkräftebedarf zu sichern.

„Eine gute Nachricht in schwierigen Zeiten“ verkündet im August das Handwerksblatt. Dem kleinen Bericht zufolge legte die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge im Bauhandwerk zu. „Die Zahl der Ausbildungsverhältnisse stieg im Vergleich zum Vorjahr in den alten Bundesländern um zwei Prozent auf 31.254 und um 9,2 Prozent auf 5.606 in den neuen Bundesländern“, ist zu lesen. Insgesamt würden derzeit 36.800 junge Menschen ihre Ausbildung in einem Baubetrieb absolvieren. Dennoch seien noch viele Lehrstellen unbesetzt. Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe ermutige deshalb junge Menschen, die noch keinen Ausbildungsplatz haben, sich weiterhin zu bewerben.

Die Zahl der angehenden Köche habe sich hingegen halbiert, beklagt das Magazin Tophotel. Die Zahlen seien alarmierend. „In der Gastronomie, Hotellerie, im Tourismus und im Einzelhandel wurden 2019, also noch vor Corona, 28 Prozent weniger Neuverträge als noch vor zehn Jahren abgeschlossen. Besonders erschreckend sind hierbei die Zahlen der angehenden Köche“, heißt es in dem Artikel.

Auch die Automobilbranche verliert offenbar an Attraktivität – zumindest bei nichtakademischen Beschäftigten. Wie die Branchen- und Wirtschaftszeitung Automobilwoche im August unter Berufung auf das das aktuelle „Trendence Fachkräftebarometer“ mitteilt, hätten Firmen wie BMW, Bosch, Daimler, Porsche und andere teils bis zu 18 Prozent an Zustimmung verloren. „Im nichtakademischen Umfeld können wir erkennen, dass systemrelevante soziale Berufe deutlich an Bedeutung gewinnen, während die klassischen Wirtschaftszweige wie etwa die Automobil- oder Handelsbranche etwas an Anziehungskraft verlieren“, zitiert die „Automobilwoche“ einen Experten von Trendence.

Die Coronakrise hat auch Auswirkungen auf die Anwerbung ausländischer Fachkräfte. Im März 2020 trat das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft – zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. „Die Corona-Pandemie hat die Hoffnung, Deutschland als Einwanderungsland zu etablieren und Fachkräfte aus aller Welt anzuziehen, vorerst zunichtegemacht“, befindet das Handelsblatt. Im ersten Halbjahr hätten deutsche Auslandsvertretungen nur 30.117 Arbeitsvisa an Nicht-EU-Ausländer erteilt – weniger habe es in einer ersten Jahreshälfte zuletzt 2015 gegeben. Auch aus EU-Ländern seien in den vergangenen Monaten weniger gut ausgebildete Arbeitskräfte nach Deutschland gekommen. „Die Coronakrise verschärft den Fachkräftemangel erheblich“, schreibt das Handelsblatt, vor allem auf dem Bau, im Handwerk und im Gesundheitssystem würden Fachkräfte fehlen.

Nach Auskunft der Berliner Zeitung stockt wegen Corona auch die Anwerbung ausländischer Pflegefachkräfte. Die Zeitung erinnert an mehrere Initiativen, die der Bundesgesundheitsminister vergangenes Jahr im Kosovo, auf den Philippinen und in Mexiko gestartet habe, weil in Deutschland Fachkräfte in der Pflege fehlen. Ab dem zweiten Quartal 2020 hätten die ersten zusätzlich angeworbenen Pflegefachkräfte einreisen sollen. „Aufgrund der Pandemie“, heißt es in dem Bericht, „seien die Maßnahmen zur Anwerbung auf den Philippinen und in Mexiko derzeit auf unbestimmte Zeit unterbrochen, teilte das Gesundheitsministerium auf Anfrage mit.“ Lediglich eine Einreise aus dem Kosovo und anderen Westbalkan-Staaten sei derzeit grundsätzlich möglich. Das Problem: In der Pflege seien laut Bundesagentur für Arbeit fast 40.000 Stellen unbesetzt. In der Altenpflege dauere es 205 Tage, um eine freie Stelle mit einer Fachkraft zu besetzen, in der Krankenpflege 174 Tage. Zudem gehe etwa 40 Prozent des heutigen Fachpersonals in den nächsten zehn bis zwölf Jahren in Rente.

Offenbar hakt es auch bei der Anwerbung hochqualifizierter Nicht-EU-Bürger. Andere Staaten seien uns voraus, schreibt die Welt und konstatiert:. „Deutschland muss für Talente aus dem Ausland attraktiver werden“. Eine gute Nachricht sei es daher, dass 2019 nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) rund 30.000 Nicht-EU-Ausländer mit einer Blue Card nach Deutschland gekommen seien, 15 Prozent mehr als im Jahr davor. Größte Gruppe seien Inder, gefolgt von Chinesen, Russen und Türken. Innerhalb der EU sei Deutschland mit Abstand das attraktivste Zielland. „Und dennoch: Selbst die gestiegene Zahl von Hochqualifizierten reicht bei Weitem nicht aus“, findet die Tageszeitung aus Berlin. „Und im internationalen Vergleich zeigt der OECD-Indikator für ‚Talent Attractiveness‘, dass ein Dutzend Länder besser dastehen als Deutschland.“ Spitzenreiter seien Australien, Schweden und die Schweiz.


Regionale Meldungen

Über eine ungewöhnliche Fachkräfte-Initiative berichtet nachrichten-heute.net. Mitte August fand in Boltenhagen und auf der Insel Poel eine „Strandtour“ der Fachkräfteinitiative Westmecklenburg statt. Urlauberinnen und Urlauber hätten am gemeinsamen Stand der Kampagne „Hör auf dein Herz. Mecklenburg“ und des Welcome Service Centers Nordwestmecklenburg Informationen zu offenen Arbeitsstellen und weiteren Angeboten wie Kinderbetreuung und Wohnmöglichkeiten erhalten. „Gesunde Natur in Kombination mit kulturellen Angeboten und kostenfreier Kinderbetreuung – das könnte bei der einen oder anderen Urlauberfamilie den Wunsch wecken, ihren Lebensmittelpunkt dauerhaft nach Westmecklenburg zu verlegen“, zitiert das Nachrichtenportal den Schweriner Oberbürgermeister. Genau hier setze die Kampagne an.

„Mit einer zentralen Einwanderungsstelle will das Land Brandenburg die Einwanderung von Fachkräften aus Drittstaaten erleichtern“, berichtet die Märkische Allgemeine im August. Anlass sei das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz des Bundes. Ab 1. Oktober sei der Landkreis Dahme-Spreewald für die Bearbeitung von Visaanträgen für qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland zuständig. Brandenburg brauche künftig mehr ausländische Fachkräfte, beispielsweise in der Pflege oder wegen Neuansiedlungen von Firmen, zitiert die Zeitung den Arbeitsminister des Bundeslandes.

Fachkräfte werden auch in Espelkamp an der Grenze zwischen NRW und Niedersachsen umworben. Wie das Westfalen-Blatt mitteilt, werde das dortige Wohnquartier Ostlandpark um ein „Welcome-Haus“ erweitert. „Die Wohnanlage soll ein Beitrag sein, junge urban geprägte Fachkräfte für Espelkamp zu gewinnen“, zitiert das Blatt den Geschäftsführer der Aufbaugemeinschaft. In die Konzeption des Gebäudes seien auch Anregungen von Fach- und Führungskräften örtlicher Unternehmen eingeflossen.


Schlaglicht Arbeiten 4.0

Die Digitalisierung ist in vollem Gange und hat durch die Coronakrise einen zusätzlichen Schub erfahren. Das hat auch Auswirkungen auf die betriebliche Ausbildung. „Um den Anforderungen auch in der Ausbildung gerecht zu werden, benötigen alle Betriebe gut geschulte Ausbilderinnen und Ausbilder, welche die benötigten Fachinhalte und Kompetenzen an ihre Auszubildenden vermitteln können“, schreiben die Osthessen-News. Denn neben neuen Produktions-, Steuerungs- und Kommunikationssystemen entstünden auch neue Lehr- und Lerninhalte und Methoden. Da setze das bundesweite NETZWERK Q 4.0 an. Es unterstütze regionale Betriebe dabei, ihre Ausbildung noch digitaler zu gestalten und biete kostenlose Schulungen für Ausbilderinnen und Ausbilder. In Hessen führe das Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft e.V. das Projekt in den Regionen Kassel, Gießen/Fulda und Wiesbaden durch. „Das Besondere am NETZWERK Q 4.0 ist die Entwicklung von branchenspezifischen Schulungen“, heißt es in dem Beitrag, „die am Ende des Projekts deutschlandweiter Weiterbildungsstandard werden sollen.“

Auch in der Coronakrise gab und gibt es viele Firmen, die Fachkräfte suchen. Aber: Sie „mussten angesichts von Kontaktbeschränkungen ihre Methoden ändern“, berichtet die Badische Zeitung. Viele Arbeitgeber hätten ihre Prozesse angepasst und verstärkt digitalisiert. So hätte etwa der „Girls‘ Day“ bei BASF online stattgefunden, die Bahn habe einen virtuellen Quereinsteigertag angeboten. Solche Formate seien aber keine Selbstläufer, gebe der Bundesverband der Personalmanager zu bedenken. „Personaler sollten keinesfalls davon ausgehen, dass bei der Mitarbeitergewinnung alles wie bisher laufe, nur eben mit Videokonferenz. Diese Denke greife zu kurz“, schreibt die Regionalzeitung. Wer plötzlich neue Mitarbeiter nur noch per Video rekrutieren könne, müsse auf viel mehr Aspekte achten, als wenn der Bewerber auf der anderen Seite des Tisches sitzt, zitiert die Zeitung eine Expertin des Verbandes.