Medienbeobachtung April 2020

Fachkräftemangel in Zeiten der Corona-Pandemie? Gibt es offenbar trotzdem. „Die Coronakrise macht Informatiker noch begehrter“, schreibt etwa die „Welt“. Auch in der Ernährungswirtschaft sei der Fachkräftebedarf unverändert hoch, befindet die „Lebensmittelzeitung“. Im Handwerk werde spätestens nach der Krise die Suche nach qualifiziertem Personal auch im Ausland wieder wichtig. Die Branche setzt darauf, dass sich die Grenzen wieder öffnen und dank des neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetzes die Akquise von qualifizierten Nicht-EU-Ausländern leichter werde.

Ein wichtiger Impuls war im April aus Sachsen-Anhalt zu hören. Viele Unternehmen sind von der Krise erheblich betroffenen – und damit auch deren Azubis. Davon ist bisher in den Medien nicht allzu viel zu sehen und zu lesen. Wenn Aufträge und Umsätze einbrechen, gar Insolvenz droht, Menschen in Kurzarbeit geschickt oder gar entlassen werden, steht natürlich auch die Ausbildung in den betroffenen Unternehmen auf dem Prüfstand. Der Sender RTL zitiert im April einen Sprecher der Bundesagentur für Arbeit in Sachsen-Anhalt mit dem Appell: „Die Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt müssen nach Ansicht von Experten alles dafür tun, um ihre Auszubildenden in der Corona-Krise zu halten.“

Ein großes Medienthema hingegen war nicht nur im März, sondern auch im April das viel beschworene Homeoffice. Wir haben diesmal drei Berichte herausgegriffen. Der MDR wagt sich an eine Bestandsaufnahme des Themas insgesamt. Zwei andere Medien stellen aktuelle Umfragen zur Arbeit im Homeoffice vor.


Überregionales

Die Coronakrise macht Informatiker noch begehrter. „Viele Menschen werden demnächst ihren Job verlieren. Manche sind aber so gefragt, dass sich große Firmen gerade jetzt auf sie stürzen“, schreibt die Welt im April. Tatsächlich boome der Arbeitsmarkt für Informatiker, Programmierer, Mathematiker und Datenanalysten auch in der Coronakrise. „So mancher Konzern schreibt sogar gerade jetzt Stellen aus. Vielleicht gelingt es, den einen oder anderen zaudernden Solo-Selbstständigen an Bord zu holen“, glaubt die Welt.

Für viele Unternehmen komme es jetzt mehr denn je darauf an, die Digitalisierung im eigenen Betrieb voranzubringen, heißt es in einem Bericht in der Computerwoche. Das Problem: „Gerade Mittelständler sehen im Mangel an digitaler Kompetenz einen Bremsklotz“, schreibt das Magazin. So würden laut einer KfW-Befragung rund 38 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) fehlendes IT-Know-how im Unternehmen sowie den Mangel an verfügbaren IT-Fachkräften als Hemmnis bei der Digitalisierung einschätzen.

„Auch wenn derzeit die Grenzen dicht sind: Irgendwann ist der Zuzug gut ausgebildeter Fachkräfte wieder wichtig für die deutsche Wirtschaft“, glaubt das Handwerksblatt. Dies gelte auch für das Handwerk. Deshalb macht die Redaktion im April die Leserinnen und Leser auf Mustervorlagen für das beschleunigte Fachkräfteverfahren aufmerksam. Diese solle das erforderliche Procedere auf wenige Wochen verkürzen. Der Artikel erklärt, was Firmen tun müssen, um so rasch wie möglich an ausländische Fachkräfte zu gelangen.

„Gute Jobchancen für Bau-Fachkräfte in der Corona-Zeit“ sieht die Website B_I Medien. Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) habe auf die stabilisierende Funktion der Bauwirtschaft für den Arbeitsmarkt in der Corona-Krise hingewiesen, heißt es in dem Bericht, trotz Pandemie würden die Baustellen in großem Umfang weiterlaufen, während andere Branchen von Kurzarbeit und Entlassungen bedroht seien. Laut der Gewerkschaft gebe es hunderttausende Arbeitnehmer, die früher im Bauhauptgewerbe gearbeitet hätten.“ Der Wechsel zurück zum Bau sei sicher eine gute Wahl, wenn der aktuelle Job wackelt“, zitiert B_I Medien den IG-BAU-Bundesvorsitzenden. Zudem informiert der Bericht über eine Stellenbörse der Tarifpartner der Bauwirtschaft für Fachkräfte.

Auch in der Ernährungswirtschaft sei der Fachkräftebedarf unverändert hoch, schreibt die Lebensmittelzeitung im April. Die Qualifizierung von Mitarbeitern aus den eigenen Reihen sei deshalb eine Möglichkeit, sich vom Arbeitsmarkt unabhängig zu machen. „In Corona-Zeiten muss das virtuell stattfinden“, befindet die Zeitung – und stellt ein Konzept für Teilqualifizierung vor, das unter anderem vom Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft angeboten werde. „Es ermöglicht die berufliche Entwicklung von an- und ungelernten Arbeitskräften“, ist zu lesen. „Auch die Kompetenzanforderungen des digitalen Wandels werden bedient.“ Binnen kürzester Zeit sei es nun auf digitales Lernen umgestellt worden.

 

Regionale Meldungen

Ein wichtiger Appell war im April in und aus Sachsen-Anhalt zu hören. „Die Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt müssen nach Ansicht von Experten alles dafür tun, um ihre Auszubildenden in der Corona-Krise zu halten“, berichtet im April RTL.de. Sie seien die Fachkräfte von Morgen, zitierte der Sender  einen Sprecher der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen der Bundesagentur für Arbeit. Irgendwann sei die Pandemie vorbei – aber die demografische Entwicklung nicht. Sachsen-Anhalt fehle es schon jetzt an Nachwuchs, stattdessen würden immer mehr Menschen in den Ruhestand gehen.

Ebenfalls in Sachsen-Anhalt beklagen Firmen, dass die Corona-Krise die Anwerbung qualifizierter Arbeitnehmer aus Ländern jenseits der EU verzögere. „Das Virus hat den Arbeitsmarkt schlagartig verändert“, zitiert die Volksstimme Markus Behrens, Geschäftsführer der Bundesagentur für Arbeit Sachsen-Anhalt, „aufgrund der demografischen Entwicklung, die ja eine Konstante ist, gehen wir aber davon aus, dass wir nach einer Normalisierung der Situation weiterhin auf die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte angewiesen sind.“  

„Ausnahmezustand mal anders“ heißt es im April in der Zeitung Neues Deutschland. Der Beitrag erzählt von einem großen Medizintechnikunternehmen in Lübeck, das Beatmungsgeräte und Atemschutzmasken herstellt und sich derzeit vor weltweiten Aufträgen wegen der Corona-Pandemie nicht retten könne. Brisant: Um die Produktion erhöhen zu können, sucht das Unternehmen laut Zeitungsbericht händeringend nach Fachkräften. Ausgeschrieben seien Stellen für IT-Fachleute, Elektroniker*innen, Mechatroniker*innen, Feinmechaniker*innen, Lagerarbeiter*innen, Marketingstrategen und Vertriebskaufleute.

Mit einem branchenübergreifenden Konzept will die Region Südniedersachsen ihre Attraktivität für Fachkräfte nach innen und außen transportieren. Das berichtet im April der Harzkurier. Die dortige Unternehmenslandschaft sei attraktiv, vielfältig und zukunftsorientiert. Ein regionales Fachkräftemarketing werde diese Stärken künftig in und weit über Südniedersachsen hinaus bekannt machen. Die Grundlagen für dieses „Regionale Fachkräftemarketing für Südniedersachsen“ lege das gleichnamige Projekt, das Anfang Januar 2020 unter dem Dach der Südniedersachsen Stiftung seine Arbeit aufgenommen habe.

Gut qualifizierte Fachkräfte fehlen in fast allen Bereichen des Handwerks. „Es gibt jedoch eine gute Möglichkeit, Aufträge trotz Fachkräftemangel effizienter abwickeln zu können: die Weiterqualifizierung und Fortbildung der eigenen Beschäftigten“, schreibt das Handwerksblatt. Dazu biete das Gemeinschaftsprojekt „Kompetenzzentrum Qualifizierung“ (KomQua), initiiert von der Agentur für Arbeit Dortmund zusammen mit der Handwerkskammer Dortmund, Betriebsinhabern ein nachhaltiges Beratungsangebot, um passgenaue Qualifizierungs- und Fördermaßnahmen zu finden. Das Projekt richte sich an Betriebe aus dem Bau- und Ausbaubereich im Großraum Dortmund.

 

Schlaglicht Arbeiten 4.0

Hunderttausende Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gehen ihren Aufgaben derzeit komplett oder tageweise aus dem Homeoffice nach. „Damit das erfolgreich funktioniert, benötigt es allerdings Rahmenbedingungen“, heißt es in einem Bericht auf mdr.de. Denn: „Homeoffice geht nicht von selbst, Homeoffice will geübt sein. Mobiles Arbeiten ist normalerweise eine Führungsaufgabe, eine strategische Entscheidung von Unternehmensleitungen und immer abhängig von der jeweiligen Unternehmenskultur“, schreibt der Autor. Noch im Sommer 2018 hätte nur ein Sechstel der Beschäftigten in Deutschland auch mal im Homeoffice gearbeitet. Der Bericht bietet eine Bestandsaufnahme.

Auch das Infoportal ONE to ONE des Münchner HighText Verlags befasst sich mit dem Homeoffice. Der Bericht erwähnt eine aktuelle Befragung von Meinestadt.de, derzufolge zwei Drittel der Fachkräfte mit Berufsausbildung nicht von zuhause arbeiten könnten, weil es ihr Job gar nicht zulässt. Befragt wurden Fachkräfte mit Berufsausbildung. Lediglich 21 Prozent der nicht-akademischen Fachkräfte hätten die Möglichkeit, während der Coronakrise im Homeoffice zu arbeiten. „Hier zeigt sich, dass die Diskussion um Homeoffice und virtuelles Arbeiten an den meisten Fachkräften mit Berufsausbildung völlig vorbei geht“, befindet ONE to ONE.

Die WirtschaftsWoche berichtet im April über eine Umfrage des Jobvermittlungsportals Stepstone. Diese zeige die Schattenseite des Homeoffice. „38 Prozent der Fachkräfte sehen wegen der Coronakrise die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes langfristig gefährdet, 35 Prozent fürchten finanzielle Probleme“, schreibt die WirtschaftsWoche unter Berufung auf die Umfrage. Beinahe ein Viertel der Fachkräfte würden glauben, dass die Situation ihnen langfristig psychische Probleme bereitet. „Durch den mangelnden sozialen Kontakt zu den Kollegen, Herausforderungen wie der Kinderbetreuung und Singles, die allein leben, ist das für mich sehr nachvollziehbar“, zitiert das Magazin einen Experten von Stepstone. Trotz der wirtschaftlichen Risiken gehe der Experte davon aus, dass sowohl bei Fachkräften als auch Führungspersonal ein gesundes Maß an Realismus herrscht. „So wünschen sich etwa über 60 Prozent der Arbeitnehmer“, heißt es in dem Bericht, „dass es weiterhin die Möglichkeit des Homeoffice gibt, um die Gesundheit zu schützen.“