Medienbeobachtung April 2019

Die Europawahl zieht viel Aufmerksamkeit auf sich – und die deutschen Wirtschaftsverbände nutzen die Gelegenheit, Politik und Öffentlichkeit auf die drängendsten Probleme aufmerksam zu machen. In einem Positionspapier zur Wahl weisen sie unter anderem auf den zunehmenden Fachkräftemangel, etwa in der IT, hin und fordern bessere und einfachere Regelungen für Zuwanderung durch qualifizierte Fachkräfte aus Drittstaaten, wie unter anderem SPIEGEL ONLINE im April berichtet.

In den Regionen steht das Thema Fachkräftemangel ganz oben auf der Tagesordnung. Die Medien berichten von neuen Strategien im Bergischen Land, besonderen Rekrutierungsmaßnahmen in Heilbronn und dem Fünf-Punkte-Plan „Fachkräftesicherung+“, mit dem Bayern der Herausforderung systematisch begegnen will. Im Schlaglicht Arbeiten 4.0 diesmal: „Ist der neue Kollege ein Roboter?“ – Teil 1 einer neuen Kolumne auf ZEIT ONLINE. Und: Mythos „New Work“ – wie deutsche Unternehmen hinterherhinken.

 

Überregionales

Rechtzeitig zur Europawahl beziehen die deutschen Wirtschaftsverbände Position – unter anderem in Sachen Fachkräfte. Wie SPIEGEL ONLINE im April berichtet, dränge die deutsche Wirtschaft die EU, sich in den kommenden Jahren stärker um die Themen Digitalisierung und Bildung zu kümmern. „Bis 2030 fehlen in Europa zum Beispiel 900.000 IT-Fachkräfte – wenn nicht schnell gegengesteuert wird“, zitiert das Magazin aus einem gemeinsamen Positionspapier des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Aufgrund des Fachkräftemangels brauche Europa Zuwanderung durch qualifizierte Fachkräfte aus Drittstaaten. Die „Green Card“ der USA seit weltweit bekannt – die „Blue Card“ der EU müsse ähnlich attraktiv werden".

 

„Der Fachkräftemangel ist die Dauerbaustelle des Handwerks“, schreibt die Süddeutsche Zeitung im April. Im Schnitt seien die Auftragsbücher fast elf Wochen im Voraus voll – nicht nur, aber auch wegen des Fachkräftemangels. 2004 habe der Auftragsbestand lediglich bei etwas mehr als fünf Wochen gelegen. „Das macht das Problem des Handwerks zu einem Problem für alle. Manche Betriebe müssen Kunden über Wochen und Monate vertrösten. Wenn sie den Auftrag mangels Kapazitäten nicht gleich ablehnen“, heißt es in dem Bericht.

 

Regionale Meldungen

Mecklenburg-Vorpommern hat ein Problem. Laut einer aktuellen Studie wandern viele Studierende nach dem Abschluss aus dem Bundesland ab. „Es gehen mehr potenzielle Fachkräfte als kommen. Das Bundesland verzeichnet eine Netto-Abwanderung von rund 19 Prozent“, berichtet die Ostsee-Zeitung im April unter Berufung auf die Studie „Fachkraft 2030“. Ausnahme bei der Abwanderung bilden die sogenannten MINT-Berufe. „Hier prognostiziert die Studie in den nächsten Jahren einen Zuzug von rund 13 Prozent“, schreibt die Ostsee-Zeitung.

„Neue Strategien gegen Fachkräftemangel“ – so die Überschrift eines Berichts in der Rheinischen Post – hat die Rheinisch-Bergische Wirtschaftsförderungsgesellschaft (RBW) entwickelt. Unter anderem rief sie die Fachkräfteinitiative „Kluge Köpfe bewegen – Fachkräfte für den Rheinisch-Bergischen Kreis“ ins Leben. Laut Rheinischer Post möchte die RBW Firmen unter anderem dabei unterstützen, sich auf den sich wandelnden Arbeits- hin zu einem Bewerbermarkt einzustellen. Dazu habe sie eine Unternehmenswerkstatt zum Thema „Arbeitgebermarke“ gegründet.

Von einem besonderen Rekrutierungskonzept berichtet die Heilbronner Stimme. Es habe vielen Langzeitarbeitslosen und Geflüchteten zu einer Anstellung in einem neuen Einrichtungshaus in Heilbronn verholfen, heißt es in dem Artikel. „Wie gelang es dem Familienunternehmen, so viele Mitarbeiter zu finden, die es – zumindest auf den ersten Blick – nicht gibt?“, fragt das Blatt im April. Die Antwort: dank einer engen Kooperation zwischen vier Organisationen, und zwar dem Möbelunternehmen Rieger, der Agentur für Arbeit Heilbronn, dem BSI Bildungs- und Schulungsinstitut Suhl sowie dem Bildungspark Heilbronn-Franken. „Das Besondere an der Vorgehensweise: Die Bewerber erhielten von Beginn an eine Jobzusage, wenn sie sich zu einer siebenmonatigen Qualifizierung bereiterklärten. Gefunden wurden sie auf mehreren Jobmessen, organisiert von der Arbeitsagentur und Möbel Rieger, im April 2018“, schreibt die Heilbronner Stimme.

 

Auch in Bayern dauert es immer länger, bis offene Stellen besetzt werden. „Das Problem spitzt sich zu. Deshalb gibt es nun einen Fünf-Punkte-Plan“, berichtet die Augsburger Allgemeine, genannt „Fachkräftesicherung+“. Bis 2023 sollen laut dem Bericht 250.000 Stellen für Facharbeiter gesichert werden. Der Plan steht auf fünf Säulen, unter anderem einer Bildungsoffensive, die vor allem für die duale Ausbildung werben möchte. Auch die Beschäftigungschancen von Arbeitslosen und Langzeitarbeitslosen sollen verbessert werden.

Thüringen richtet in diesem Jahr seine Landesmarketingkampagne neu aus. Das berichtet die Thüringer Allgemeine im April. „Mehr als drei Millionen Euro will das Land in eine neue Kampagne stecken, um Fachkräfte und Studenten in den Freistaat zu locken“, schreibt das Blatt. Das Ziel müsse es sein, ein positives Bild von Thüringen als Lebens-, Arbeits- und Studienort zu vermitteln, zitiert die Lokalzeitung den thüringischen Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee.

 

Netzwerk-Nachrichten

Wie das Innovationsbüro Fachkräfte für die Region ist auch das Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge bei der DIHK Service GmbH angesiedelt. Im April berichtete das ZDF über die Arbeit des Netzwerkes. Anlass: Es hat inzwischen 2.000 Mitglieder. Unter Berufung auf den DIHK heißt es in dem Beitrag, in Deutschland befänden sich inzwischen rund 400.000 Flüchtlinge in Beschäftigungsverhältnissen, rund jeder zehnte davon mache eine Ausbildung. Dass eine Ausbildung, mindestens aber eine Teilqualifizierung wichtig sei, liege daran, dass Geflüchtete in der Regel vergleichsweise wenig Vorbildung mitbringen. „Sie bringen aber sehr großes Engagement mit, haben oft auch Berufserfahrung, wenn sie schon ein bisschen älter sind. Daran kann man anknüpfen“, zitiert das ZDF den stellvertretenden DIHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Achim Dercks.

 

Schlaglicht Arbeiten 4.0

In einer neuen Kolumne befasst sich ZEIT ONLINE mit der Arbeit der Zukunft. Autorin ist die Philosophin Lisa Herzog. In Folge 1 befasst sie sich mit „Arbeit 4.0: Ist der neue Kollege ein Roboter?“ „Der übliche Kaffeeküchentratsch ließe sich sicher ohne Weiteres durch intelligente Software simulieren – aber Maschinen bleiben Maschinen“, schreibt die Professorin. Maschinen, auch solchen mit künstlicher Intelligenz, fehle die Fähigkeit der geteilten Intentionalität, die Menschen zur Zusammenarbeit befähigt: die Fähigkeit, gemeinsame Absichten zu entwickeln und zu verfolgen. „Wenn das Zusammenspiel zwischen Kollegen – sei es im Betrieb, sei es in der Berufsgruppe – gut gelingt, kann man auf Augenhöhe, als Team gemeinsam Pläne entwickeln und umsetzen“, argumentiert Herzog. Wenn jemand eine gute Idee habe, könnten die Pläne unterwegs abgeändert werden. Mit intelligenten Maschinen dagegen gebe es nur zwei Optionen: Entweder werde der Plan der Maschine verfolgt und menschliche Ideen seien nicht gefragt oder die Maschine bleibe Hilfsmittel und müsse sich menschlichen Plänen, inklusive Planänderungen, anpassen. „Es gibt Über- oder Unterordnung – und man darf hoffen, dass die Unterordnung der Maschine unter den Menschen der Regelfall bleibt –, aber kein echtes Miteinander“, ist Herzog überzeugt.

Das Karrieremagazin Online Marketing befasst sich im April mit „New Work“. Sie sei in aller Munde, aber in deutschen Unternehmen noch längst nicht etabliert. Der Artikel listet sechs Merkmale von „New Work“ auf, unter anderem flache Hierarchien, Agilität und neue Bürokonzepte. Doch es mangele an entsprechendem Umdenken. „Besonders fehlende Flexibilität und eingefahrene Führungsebenen sorgen dafür, dass Arbeit 4.0 sich nur langsam ausbreitet. Dabei braucht New Work auch New Management“, heißt es in dem Beitrag.