Medienbeobachtung April 2018

Verfolgt man im April die Berichterstattung zum Fachkräftemangel, beschleicht einen das Gefühl, dass sich die Katze in den eigenen Schwanz beißt. Wir lesen, dass der grassierende Fachkräftemangel nicht nur die einzelnen Firmen bedroht, sondern die Volkswirtschaft insgesamt. Als einer der wesentlichen Gründe für die zunehmende Schwierigkeit der Unternehmen, beruflich gebildete Fachkräfte zu finden, nennen Verbände den massiven Trend zur Akademisierung und die Geringschätzung der dualen Ausbildung. Um das zu ändern, müssten auch die Berufsschulen massiv gestärkt werden, unter anderem indem man sie digital modernisiert. Nicht nur dazu bedarf es des viel schnelleren, flächendeckenden Ausbaus der Breitbandnetze. Der wiederum stockt offenbar auch deshalb, weil – drei Mal dürfen Sie raten! – Fachkräfte fehlen…

Tipps, wie Mittelständler dennoch Fachkräfte finden, haben die Medien allerdings auch parat. Und eine aktuelle Studie des ifo-Instituts lässt sogar den Schluss zu, dass das gestiegene Bruttoinlandsprodukt je Kopf in manchen Regionen auch damit zu tun haben könnte, dass die Fachkräfte nicht etwa dorthin, sondern mangels beruflicher Perspektiven weggezogen sind, sich die bestehende Wirtschaftsleistung also auf weniger Köpfe verteile.

Überregionales

„Wenn Betriebe keine qualifizierten Mitarbeiter finden, ist das nicht nur schlecht für die Unternehmen, sondern auch für die gesamte Wirtschaft“, schreibt die Süddeutsche Zeitung mit Bezug auf eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, die auch viele andere Medien aufgreifen. „Wenn die Unternehmen jede offene Stellen passend besetzen könnten, würde die Wirtschaftsleistung um etwa 30 Milliarden Euro oder 0,9 Prozent höher ausfallen“, heißt es weiter in dem Bericht. Selbst wenn Firmen jeden geeigneten qualifizierten Arbeitslosen in Deutschland einstellen würden, verblieben jede Menge offene Stellen, die nicht adäquat zu besetzen seien, schreibt die SZ.

Der Fachkräftemangel ist nicht gut für die Volkswirtschaft. Für immer mehr betroffene Firmen stellt er inzwischen sogar das größte Geschäftsrisiko dar, berichten die Westfälischen Nachrichten unter Berufung auf Aussagen von Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Der DIHK habe sich deshalb für eine Allianz von Politik und Wirtschaft gegen den zunehmenden Fachkräftemangel ausgesprochen. Die Firmen würden vor allem beruflich gebildete Fachkräfte suchen. Deshalb habe sich Schweitzer gegenüber der Deutschen Presse-Agentur für eine Stärkung der Berufsschulen sowie eine verpflichtende Berufsorientierung an allen allgemeinbildenden Schulen nach bundesweiten Standards ausgesprochen, schreibt die Zeitung.

Der DIHK-Präsident sprach sich unter anderem für eine moderne digitale Ausstattung der Berufsschulen aus. Die Digitalisierung erfordert jedoch einen raschen bundesweiten Breitbandausbau. Der jedoch stocke, schreibt die WirtschaftsWoche. Das Magazin zitiert den Vizepräsident des Rohrleitungsbauverbandes, Andreas Burger. Der beklagt, es würden „massiv Planungskapazitäten bei den Bauämtern und bei den Planungs- und Ingenieurbüros fehlen, welche die Unternehmen auch nicht übernehmen können“. Zweiter Grund: fehlende Fachkräfte am Bau. „Wir müssen den Beruf wieder attraktiver machen“, wird Burger zitiert, „und die berufliche Bildung stärken. Im Moment versuchen Auftraggeber verstärkt, den Firmen Fachkräfte abzujagen.“

Auch der Elektrotechnik-Verband meldete sich im April in Sachen Fachkräftemangel zu Wort. „Miteinander vernetzte Maschinen, ‚intelligente‘ Häuser, Elektroautos: Diese digitalen Trends werden nach Ansicht von Experten dazu führen, dass sich der Wettbewerb um die Gewinnung von Elektroingenieuren und IT-Experten international verschärft“, schreibt der Merkur unter Berufung auf eine Umfrage des Verbandes der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) bei den 1.350 Mitgliedsunternehmen und Hochschulen der Elektro- und Informationstechnik. Weil trotz der großen Nachfrage ein Mangel an Fachkräften befürchtet werde, fordere der Verband eine „Bildungsoffensive“ in Schulen, Hochschulen und Wirtschaft.

Wie Mittelständler in Zeiten des Fachkräftemangels gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden, beschäftigt das Handelsblatt. Wenn es um rare IT-Spezialisten gehe, träten Mittelständler in direkte Konkurrenz mit Großunternehmen und Konzernen – und zögen am Ende oftmals den Kürzeren. Wenn Mittelständler jedoch eine kreative, intelligente Bewerberansprache fänden, zitiert die Zeitung einen Experten für Personalmanagement, hätten sie eine „Riesenchance“. Gegenüber Konzernen „könnten die mittleren Firmen dank einfacherer Strukturen und der flachen Hierarchien mit ihrer Flexibilität auftrumpfen“, heißt es in dem Bericht. Bei IT-Experten könne man, wenn man nicht in einem gefragten Ballungsgebiet sitze, zum Beispiel mit ortsungebundenen Arbeitsmöglichkeiten punkten. Weiterer Tipp: Rekrutierung über spezielle Mittelstandsbörsen und im Ausland.

Apropos Fachkräftegewinnung: „Die besten Tipps fürs Mobile Recruiting“ lieferte im April das Magazin W&V. Tipp Nummer 1 lautet: Firmen sollten eine Mobil-Bewerbung ermöglichen. Außerdem empfiehlt das Magazin, das klassische Anschreiben aufzugeben, auf Kurzbewerbungen zu setzen und generell den Bewerbungsprozess zu beschleunigen.

Die FAZ stellte im April eine interessante Studie vor, die mehr mit dem Fachkräfte-Thema zu tun hat, als man auf den ersten schnellen Blick denken mag. Das Münchner Ifo-Institut habe sich die wirtschaftliche Entwicklung in den mehr als 400 deutschen Landkreisen angeschaut und festgestellt: Die Kluft zwischen armen und reichen Regionen sei in den vergangenen Jahren nicht wie häufig behauptet größer, sondern vielmehr kleiner geworden, berichtet die Tageszeitung. Dass sich eine bestimmte Region in der Rangliste verbessert habe, liege allerdings nicht immer daran, dass die Industrie vor Ort boome. „Vor allem in Ostdeutschland hat das gestiegene Bruttoinlandsprodukt je Kopf auch viel damit zu tun, dass Menschen aus Mangel an beruflichen Perspektiven weggezogen sind, sich die bestehende Wirtschaftsleistung also auf weniger Köpfe verteilt“, schreibt die „FAZ“. Die Agenda 2010 und der Druck auf Arbeitslose, sich schneller eine Stelle zu suchen, hätten dabei laut ifo-Institut eine wichtige Rolle gespielt. „Wenn es keine Wanderungsbewegungen gegeben hätte, dann wäre die regionale Ungleichheit auch nicht zurückgegangen.“



Regionale Meldungen


Die Berliner Morgenpost befasste sich im April mit dem Fachkräftemangel in der Hauptstadt. Die Firmen könnten fast acht Prozent ihrer Stellen nicht besetzen, schreibt die Zeitung. Insgesamt würden 120.000 Fachkräfte fehlen. Laut IHK Berlin habe das auch viel mit dem Trend zum Studium zu tun. 2017 hätten fast 36.000 Menschen ein Studium an den Berliner Universitäten und Hochschulen begonnen, aber nur rund 16.000 eine Ausbildung in einem Berliner Unternehmen. „Unser Bildungssystem qualifiziert an dem Bedarf der Unternehmen vorbei“, zitierte die Zeitung einen IHK-Experten.



Schlaglicht Arbeiten 4.0

Der Berliner Tagesspiegel war dabei, als sich in der Wissenschaftsakademie Leopoldina in Halle an der Saale Technik-, Informatik- und Systemwissenschaftler unter anderem über die Arbeit der Zukunft austauschten. „Anders arbeiten? Wohin führt die Digitalisierung der Wirtschaft?“ lautete der Titel des Abschlussvortrags. Darin habe eine Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Uni Erlangen-Nürnberg versucht, dem Publikum die Angst vor Neuerungen, insbesondere vor der vielbeschworenen „Disruption“ zu nehmen. Ihre These: „Am Anfang stünde immer die Erwartung, eine neue Technik werde das Bestehende lediglich ersetzen: Substitution. Dann aber folge eine Experimentierphase und – surprise! – das Bestehende kann ersetzt werden. Danach erst greift Innovation als Neues jenseits des verdrängten Alten.“

„Wie die Digitalisierung neue Typen der Lohnarbeit schafft“, darüber berichtete die taz im April in einem Blog auf ihrer Website. Kerngedanke: Wir würden zwar noch nicht von Algorithmen beherrscht, aber immer mehr Menschen würden für oder mit Algorithmen arbeiten oder sich von ihnen helfen lassen. Dabei entstünden neue Arten der Arbeit. Laut Shirley Ogolla, die am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin zu Arbeit 4.0, digitaler Partizipation und „Algorithmic Labor“ forscht, ergebe sich jede Menge „free labour“ und „hidden labour“. „Free labour“ sei beispielsweise, auf Instagram Fotos zu liken, eigene Daten abzugeben oder dem automatischen Staubsauger nicht zu verbieten, einen Grundriss der Wohnung zu erstellen, der dann an Einrichtungshäuser verkauft werden könne. Zu „hidden labour“ gehöre zum Beispiel das sogenannte „Clickproletariat“, das etwa Produkttexte für Onlineshops schreibe. „Es wird häufig schlecht bezahlt, sucht sich seine Aufträge selbst über Plattformen wie Amazon Mechanical Turk und hat ein großes Problem: Die Arbeiter können sich nur schlecht organisieren, weil sie räumlich so weit entfernt sind“, heißt es in dem Beitrag.