„Massiver Zuzug nötig“ Senius spricht sich für Anwerbung ausländischer Fachkräfte aus

Sachsen-Anhalt ist in den kommenden Jahren laut Arbeitsmarktexperten auf eine massive Zuwanderung von Arbeitskräften angewiesen. „Gelingt es nicht, Arbeitskräfte von Außen anzuwerben, ist die wirtschaftliche Basis des Landes gefährdet“, sagte der Chef der Landesarbeitsagentur, Kay Senius, am Donnerstag.

Er spricht sich dabei für eine geregelte Zuwanderung aus. „Das muss Schwerpunktthema in den kommenden Jahren im Bund und in Sachsen-Anhalt werden.“

Senius begründet seinen Vorstoß damit, dass Sachsen-Anhalt bis 2030 nicht nur ein massives Fachkräfteproblem hat. „Wir steuern auf einen generellen Arbeitskräftemangel zu, wenn jetzt nicht die Weichen für Zuwanderung gestellt werden.“ Seine These unterlegt er mit einer Vielzahl von Zahlen und Statistiken.

Grundlage ist vor allem eine Bevölkerungsprognose des Statistischen Landesamtes. „Wir werden bis 2030 rund 300.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter verlieren“, so Senius. Das seien 21 Prozent aller Arbeitnehmer zwischen 15 und 67 Jahren. Während es die Großstädte Halle und Magdeburg schaffen würden, die Zahl der Erwerbspersonen annähernd auf dem Niveau von 2015 zu halten, verlieren Flächenkreise wie Mansfeld-Südharz und Wittenberg 25 bis 30 Prozent. Der Grund ist demografisch bedingt: Es gehen mehr Menschen in Rente als junge auf den Arbeitsmarkt kommen.

Chef der Landesarbeitsagentur will Pendler zurückholen

Nach Einschätzung von Senius kann Sachsen-Anhalt den Verlust teilweise durch das sogenannte inländische Arbeitspotenzial ausgleichen. Als vielversprechend schätzt er dabei die Rückholung von Auspendlern ein. Derzeit arbeiten knapp 70.000 Sachsen-Anhalter in einem anderen Bundesland - das sind knapp zehn Prozent aller Erwerbspersonen.

Zudem könnten Ältere länger arbeiten und Teilzeitkräfte Vollzeitjobs erledigen. Zudem soll ein größerer Teil der noch knapp 100.000 Arbeitslosen in Sachsen-Anhalt besser qualifiziert und in Arbeit gebracht werden. „Doch selbst bei größtmöglicher Aktivierung des Potenzials ist das aktuelle Niveau von knapp 800.000 Erwerbstätigen nicht zu halten.“

Fachkräfte-Problem in ganz Deutschland

Denn ein Fachkräfte-Problem hat nicht nur Sachsen-Anhalt. Auch in Bayern geht die Zahl der Erwerbspersonen bis 2030 um zwei Prozent zurück, in Niedersachsen sind es elf Prozent und in Sachsen zehn Prozent. Nicht anders sieht es bei den osteuropäischen Nachbarn aus. In Polen liegt das Minus bei knapp zwölf Prozent und in Tschechien bei sechs Prozent.

Dass es sich nicht um ein fernes Problem handelt, macht Senius mit zwei Statistiken deutlich: Von 2015 bis 2017 erhöhte sich die Zahl der Beschäftigten in Sachsen-Anhalt um 17 800. Davon waren 10 142 Deutsche und 7.658 Ausländer. Vor allem aus Osteuropa kamen Ärzte, Pfleger und Handwerker ins Land.

Dennoch wird es für die Unternehmen schwerer, neue Mitarbeiter zu finden: So benötigen die Firmen im Schnitt 92 Tage, um eine freie Stelle wieder zu besetzen. Vor zehn Jahren waren es 50 Tage. Leergefegt ist der Arbeitsmarkt nicht nur bei Ingenieuren. Handwerksfirmen finden keine Klempner, Heizungs- und Klimatechnikmonteure mehr. Es dauert mehr als ein halbes Jahr, um neue Stellen zu besetzen.

Stellen werden nicht besetzt

Durch die zunehmende Automatisierung und den Einsatz von Robotern lässt sich das Arbeitskräfteproblem nach Ansicht von Senius nicht lösen. „Sicher fallen in einigen Bereichen Stellen weg, doch in anderen werden dafür mehr benötigt.“

Senius sieht als Lösung nur die Anwerbung von Fachkräften aus Drittstaaten, die einen Bevölkerungswachstum haben. Damit meint er etwa Indien, die Türkei, Tunesien und Algerien. Im Jahr 2016 kamen 178 Spezialisten, vor allem aus China, Russland und Indien, mit einer sogenannten Blue-Card nach Sachsen-Anhalt. Zudem können Fachkräfte aus Drittstaaten (außerhalb der EU) in Deutschland tätig sein, wenn der Arbeitskräftebedarf nicht durch deutsche Arbeitnehmer gedeckt werden kann. Auf der sogenannten Positivliste stehen Berufe wie Pfleger oder Techniker.

Der Arbeitsagentur-Chef weist darauf hin, dass es ihm nicht darum geht, dass Deutschland möglichst viele Flüchtlinge aufnimmt. „Um eine gezielte Fachkräfte-Anwerbung vorzunehmen, muss es in Sachsen-Anhalt aber eine Willkommenskultur geben“, so der Arbeitsmarktexperte. Regierende Politiker in Sachen-Anhalt müssten das auch kommunizieren. Zu oft würden nur die Probleme der Zuwanderung thematisiert und nicht die Vorteile. Senius will dagegen eine „offensive Anwerbestrategie für Sachsen-Anhalt“. (mz)

– Quelle: www.mz-web.de/29518420 ©2018