Die Fachkräfte von morgen

Buben und Mädchen lernen bei einer Hour-of-Code-Aktion in Neukeferloh das Programmieren kennen. Das Software-Unternehmen Open Text wirbt um Nachwuchs und für eine Öffnung des Berufs für Frauen

Flitzi ist eine schlaue Raupe. Doch noch schlauer sind die Vierjährigen, die das Spielzeug so programmieren, dass die Raupe sich nach links, nach rechts, geradeheraus oder im Kreis bewegt. Das IT-Unternehmen Open Text hat kürzlich Kinder in die Grundlagen des Programmierens eingeführt. 28 Mitarbeiterkinder nahmen teil. Mit der Aktion will Open Text dem Fachkräftemangel in der Informationstechnologie entgegenwirken.

Der Eingangsbereich zu dem Software-Haus am Werner-von-Siemens-Ring sieht aus wie ein Raumschiff. Dunkelbraune Sitzecken, runde weiße Tische, deren polierte Oberflächen an Displays erinnern, vermitteln dem Besucher: Hier wird Zukunft gemacht. Solche Botschaften sind keinem Unternehmen fremd - fast alle reklamieren in irgendeiner Form Ähnliches für sich. An diesem Tag stimmt es bei dem Unternehmen in Grasbrunn-Neukeferloh.

Denn es wird in Kinder investiert. Eine Stunde lang lernen die zwölf Mädchen und 16 Buben das Programmieren. Die Kinder sollten auf diese Weise früh gefördert werden. Dreimal hat das Unternehmen die "Hour of Code", so die Bezeichnung der Programmierstunde auf Englisch, seit 2015 durchgeführt. Hervorgegangen war die Idee aus dem Frauennetzwerk des Unternehmens, das inzwischen nicht mehr existiert. Die Frauen knüpften damit an eine weltweite Initiative einer gemeinnützigen Organisation an, die sich für gleichberechtigten Zugang zur Informatik und für eine bessere Beteiligung von Frauen und unterrepräsentierten Minderheit einsetzt. Laut Code.org sollte jeder Schüler die Möglichkeit erhalten, Informatik zu lernen - in der Informationsgesellschaft längst ein nicht mehr wegzudenkender Bereich.

Das sehen die Eltern der Kinder in Grasbrunn genauso. "Die Kinder sollen wahrnehmen, wo überall Programme und Algorithmen sind, wenn auch nur deshalb, um von den vielen Computern drum herum nicht fremdgesteuert zu werden", sagt Julia Sellmeier. "Sie müssen verstehen, wie diese funktionieren und was programmieren bedeutet, nämlich, dass wir Menschen den Computern erklären, was zu tun ist." So fänden die Kinder heraus, dass sie "das Schicksal in der Hand haben", erzählt Sellmeier, die als Software-Trainerin arbeitet.

In der Programmierstunde werden die Kinder nach Alter aufgeteilt. Im Flur, unweit der futuristischen Lobby, befindet sich die Kindergartengruppe, die aus vier Mädchen und einem Buben besteht - und eben auch der Raupe mit dem Namen Flitzi. Das Spielzeug besteht aus mehreren Elementen, die aneinandergereiht sind: Jedes Element kann eine andere Richtung vorgeben und hat einen Knopf zum Anschalten. Drücken die Kinder darauf, fährt Flitzi dementsprechend. Die Aufsicht hat Andreas Sellmeier. Dem dreifachen Vater, der im Unternehmen als Cloud-Architekt arbeitet, macht es Spaß, den aus Bausteinen gebauten Parcours mit den Kindern zu üben, auch wenn es am Ende nicht ganz klappt. Denn die Kinder wollten die Bausteine mit der Flitzi doch lieber umfahren.

Die älteren Kinder sind in eigenen Unterrichtsräumen untergebracht. In der Gruppe der Vorschüler bis Zweitklässler lernten vier Buben und zwei Mädchen, wie man einen großen Roboter programmiert. Dafür zieht sich eine ältere Kollegin einen blauen Überhang, auf dem rot-weiße Tasten abgebildet sind, über den Kopf - und die Kinder müssen Symbole für die Bewegungen erfinden, die die Roboterfrau ausführen soll: einen Schritt nach vorne, dann einen weiteren, den Arm heben, nach der Kaffeetasse greifen. "Programmieren fängt mit Logik an", erklärt die Leiterin. Man brauche zunächst keinen Computer dafür.

Erst den Dritt- und Viertklässlern, sieben Buben und ein Mädchen, sowie den Großen aus der 6. und 7. Klasse stehen Computer zur Verfügung. Nach einer Einführung in ein Programm sollen die Kinder es selbst weiterführen - auf einfachere oder anspruchsvollere Weise. Bei den Großen sind mit fünf von acht Kindern diesmal die Mädchen in der Überzahl. Eine davon ist Amélie Utsumi. Die Sechstklässlerin verdankt ihr Interesse der AG "Mädchen und Technik" an ihrer Schule. Laut einer aktuellen Studie des Karriereportals Monster kommen von allen Bewerbungen auf IT-Jobs nur rund 15 Prozent von Frauen. Dabei gilt die Branche als gut bezahlt, flexibel und vor allem zukunftssicher. Die Agentur für Arbeit meldete bereits im Juni einen erkennbaren Mangel an Experten in der Softwareentwicklung. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 1,4 Prozent im sehr niedrigen Bereich. Einer Studie des Digitalverbands Bitkom zufolge ist die Zahl der offenen Stellen für IT-Spezialisten im Vergleich zu 2016 sogar um ganze acht Prozent auf 55 000 gestiegen.

"Bei Kindern, die schon früh mit Informatik in Berührung kommen, ist das spätere Interesse meist ausgeprägter", sagt Julia Sellmeier. Das Allerbeste an der Programmierstunde in Grasbrunn seien aber die "leuchtenden Kinderaugen", die Begeisterung für eine Sprache, die sie selbst erfinden. "Meine Kinder fragten schon seit Wochen, wann wir das mal wieder machen."

Autoren: Cristina Marina, Grasbrunn

Quelle: Süddeutsche Zeitung, am 19.12.2017